• Markus Mauthe

„Auch Greta unter den Opfern“

SPIEGEL Kolumne von Nikolaus Blome am 11. Mai 2020. Ein Kommentar von Markus Mauthe








Andere Meinungen muss man aushalten, davon lebt ein Diskurs. Doch fast jeder Satz, den der SPIEGEL-Autor Nikolaus Blome in seiner Kolumne zum besten gab, ließ mir den Kamm anschwellen und schreit geradezu nach einer Erwiderung. Blome schreibt zunächst:


„Das kennt man: Mami und Papi (okay, meistens der Papi) haben die Sandburg der Kinder zu nah am Wasser gebaut. Jetzt kommt die Flut, und mit ihr kommen die Tränen. Zwei, drei Wellen schwappen über das prachtvolle Mauerwerk, schon verliert es Kontur, den Halt, und bald sind Burg und Kinder nur noch ein Häufchen Elend. So ergeht es gerade den Klimaschutz-Aktivisten von "Fridays for Future" (FFF). Länger nichts gehört von ihnen: Die Corona-Welle lässt nicht viel übrig von ihrer Burg aus Wunsch und Willen."

Ein starker Einstieg. Die Sorgen einer ganzen Generation junger Menschen symbolisch verkindlichen und schon im ersten Absatz süffisant in Lächerliche ziehen. Blome hätte auch schreiben können: „Die Fridays for Future“ Bewegung dringt mit ihren Themen in Zeiten der Coronakrise nicht mehr durch." Aber das ist offenbar zu langweilig. Inhaltlich hat Blome durchaus recht. So ergeht es aber praktisch allen gesellschaftlich relevanten Themen seit Monaten, nicht nur dem Klimaschutz und deren Aktivisten, egal welchen Alters. Blome schreibt weiter:


"Luisa Neubauer schrieb jüngst im "Stern": "Die Klimakrise lässt sich trotz Corona nicht dauerhaft stummschalten." Richtig, die Klimakrise nicht, aber FFF schon eher. Und ich räume ein, es regt sich ein wenig die Schadenfreude, oder genauer: die Erleichterung, da ich eine Bewegung gebremst sehe, für deren Ziel ich Sympathie habe, aber deren tiefe, geradezu sakrale Inbrunst mir nie geheuer war."

Nikolaus Blome hat also Sympathie für die Anliegen von FFF, wirft den Aktivisten aber eine religiöse oder gar fanatische Leidenschaft vor in der Art, wie sie ihre Ziele verfolgen. Hätte Blome seine Kolumne 1972 geschrieben, kurz nachdem der Club of Rome seinen ersten Bericht über den Zustand der Welt ablieferte, würde ich zwar wegen der Schadenfreude an völlig falscher Stelle beim Lesen den Kopf schütteln, wäre aber nicht weiter aufgebracht.


"Deren moralisch bis an die Berstgrenze aufgeladenes Selbst- und Sendungsbewusstsein ein absolut kompromissloses Herangehen an Fragen befeuert, die doch ihrem Wesen nach komplexe, gesellschaftliche Verhandlungen und kompromisshafte Lösungen verlangen."

Dank dem Club of Rome wissen wir seid knapp fünfzig Jahren, dass unser auf Konsum und endlosem Wachstum basierender Lebensstil zum Kollaps führen wird. Ich gehöre mit meinen fünfzig Lebensjahren praktisch zur Generation „Fridays of the Eightys". Wir waren jahrzehntelang eine kleine Gruppe von Spinnern, deren Sorgen man zwar wahrnahm, aber die doch von weiten Teilen der Wohlstandsgesellschaft kaum als relevant wahrgenommen wurde. Heute, wo man praktisch in allen Bereichen den Kreisläufen des Planeten beim Sterben zusehen kann, schafft es endlich eine junge Generation, Gehör zu finden. Auch das ist ein Merkmal, dass FFF mit ihrem Sendungsbewusstsein alles richtig macht. Man möchte Herrn Blome die einfache Tatsache zurufen, dass sich die Gesellschaft jahrzehntelang komplexen Verhandlungen verweigert hat. Kompromisse hätten uns vor vierzig Jahren in die richtige Richtung geführt, heute beschleunigen sie den Niedergang unserer Lebensgrundlagen, für Kompromisse ist keine Zeit mehr.


"Kurz: Haltung und modus operandi der Bewegung werden in Zeiten von Corona geprüft. Und, tja, verworfen."

Warum wird Haltung geprüft und verworfen? Ich bin mir ganz sicher, dass ein großer Teil der Fridays for Future Aktivisten für die Zeit nach Corona neue Aktionen planen und bis unter die Haarspitzen motiviert und voller Tatendrang sind. Sie besitzen Empathie und Solidarität genug, um sich nicht mit ihren Botschaften unter das wirre Sammelsurium an Forderungen bei den derzeitigen „Hygiene-Demos“ zu mischen. Die in Blomes Artikel folgende Aufzählung, was alles in Zeiten von Corona nicht mehr funktioniert, „Schulstreik ohne Schule“ oder „Massendemos ohne Massen“, sind Binsenweisheiten und keines Kommentars wert.

Das Virus beschädige das Betriebssystem der Bewegung, schreibt Blome weiter, weil Gretas „Ich möchte, dass ihr Panik bekommt“ durch die Panik, die Menschen durch die Coronakrise im realen Leben erfahren, nicht mehr wirke. Mal schauen was passiert, wenn es die brennenden Regenwälder des Amazonas endlich wieder auf die Titelseiten schaffen und der dritte Dürresommer in Folge die Lebensmittelpreise nach oben treibt. Ich glaube, dass wir uns leider in eine Situation hineinmanövriert haben, in der Zukunftsangst ein ständiger Teil unseres Alltages sein wird.


"Unite behind the science!", hört gefälligst auf die Wissenschaft, heißt das zentrale Axiom der Bewegung. Es wackelt: Renommierte Wissenschaftler streiten sich vor aller Augen über Verdopplungszeiten, Neu-Infektionen, die Aussagekraft von Mortalitätsraten und den Faktor "R", seit dem Wochenende auch noch über die "Obergrenze". Kein Vorwurf deswegen, ohne Streit kein Fortschritt. Trotzdem: Alle ernst zu nehmenden Experten sind - wie bei der Erderwärmung - zwar einig, dass es eine große Gefahr gibt. Gleichwohl sind sie fortgesetzt uneins, welcher wissenschaftliche Maßstab der Politik in der Coronakrise an die Hand zu geben sei."

Nikolaus Blome diskreditiert die Wissenschaft, weil ein neu auf der Weltbühne aufgetretener Virus Fragen aufwirft? Was haben sechs Monate Erkenntnisse zu Sars-CoV-2 und Covid-19 mit fast fünfzig Jahren Klimaforschung zu tun? Mir ist kein renommierter Klimaforscher bekannt, der über den wissenschaftlichen Maßstab unsicher ist, den man der Politik an die Hand geben müsste. Seit Jahrzehnten mahnen Fachleute vergeblich den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen an, als einen der großen Hebel zur Stabilisierung des Klimas. Leider wurden und werden die Politiker mit schöner Regelmäßigkeit von im Laufe der Jahre immer zahlreicher werdenden Lobbyisten abgeschirmt, deren Mantra, das Wachstum der Märkte nicht zu gefährden, offensichtlich stets Vorrang hat.


"Doch wenn "Unite behind the science" im Praxistest von Corona bestenfalls eingeschränkt funktionierte, wie sollte das beim Klimaschutz anders und besser sein? So wenig das Virus die Herrschaft der Virologen brachte, so wenig werden die Klimaschützer die Klimaforscher an die Macht bringen. Auch wird sich manche ernst gemeinte Frage post Corona nicht mehr so leicht als antiwissenschaftlich abtun lassen oder als Aluhut-Allergie gegen Algebra. Kurzum: "Unite behind the science" ist als Betriebsanleitung des Planeten unterkomplex. Corona hat das entlarvt und das Primat der Politik gestärkt. Bislang waren es die Aktivisten gewohnt, eine apathische Bundesregierung vor sich herzutreiben. Die haut jetzt aber eine Entscheidung nach der anderen raus und erfreut sich Rekord-hoher Zustimmung."

“Unite behind the science“ hat im Praxistest von Corona bisher bestmöglich funktioniert und uns davor bewahrt, viele Tausend Tote mehr beklagen zu müssen. Warum bauen Konservative, wenn sie keine Argumente mehr haben, krude Fantasievergleiche auf, um vom Versagen der eigenen Ideologie der freien Märkte abzulenken? Weder ich noch Greta noch sonst jemand wollen Virologen oder Klimaforscher an die Macht bringen. Was wir aber wollen, ist, dass endlich auf die Wissenschaft gehört wird. Da gibt es nun in der Tat ein wenig Licht am Horizont. Wenn man vom unermesslichen Leid, das die Coronakrise für viele Menschen bedeutet, für einen Moment absieht, so wird deutlich, dass das, was momentan innerhalb der Politik passiert, der vielleicht entscheidende Befreiungsschlag ist, der den Aktivisten bisher gefehlt hat. Es stimmt, Corona hat das Primat der Politik gestärkt. Die haut eine Entscheidung nach der anderen raus, egal wie komplex und vielschichtig sich die gesellschaftlichen Belange darstellen. Das ist eine großartige Entwicklung. Kein einziger Politiker kann sich von nun an wie bisher hinter der Ausrede verstecken, dass Probleme wegen zu vieler Interessen nicht lösbar seien. Ein Großteil der Entscheidungen während der Coronakrise basiert auf der Empfehlung seriöser Wissenschaftler. Bleibt die Politik so stringent, habe ich auch für unsere Lebensgrundlagen wieder Hoffnung.


"Ergo wird wesentlich politischer und noch dazu unter den Bedingungen einer beispiellosen, globalen Rezession auszuhandeln sein, was der beste Kompromiss zwischen Wachstum, Konsum und Klimaschutz ist. Und ich möchte allen Verzichts-Flagellanten im lichtdurchfluteten Altbau sagen: In dem Kapstadter Township, wo zwei meiner Kinder für ein Soziales Jahr gearbeitet haben, wird gerade auch "verzichtet" - und zwar auf zwei von drei Mahlzeiten täglich. Es wird gehungert, weil der Job weg und das Geld alle ist. Wer also das Virus als wunderbar sinnstiftende Disruption einer klimaschädlichen Globalisierung sieht, der macht die Rechnung ohne den Hunger dieser Menschen. Und da draußen sind es verdammt viele, die jetzt hoffen, dass die deutsche Wirtschaft wieder wächst, damit es auch sie aus dem Elend zieht."

Ich habe zwar keinen lichtdurchfluteten Altbau, nehme aber mal die Flagge in die Hand. Es ist toll, dass Blomes Kinder im Kapstadter Township das wahre Leben kennenlernen durften. Zu sehen, wie die Realität für viele Millionen Menschen auf unserer Erde ausschaut, schärft die Sinne und lädt zu Überlegungen ein, wie man deren Situation verbessern könnte. Aber der Herr Papa hat nicht mehr zu bieten, als das völlig überholte Wachstumsmantra hinauszuposaunen? Hoffen wir, dass unsere Wirtschaft, und nicht nur die deutsche, aus der Krise die richtigen Schlüsse zieht und sich wandelt. Dann haben wir vielleicht eine Chance, auch den Kindern im Township ein Leben in Würde zu ermöglichen.


"Dauerhaft nahezu alles dem Klimaschutz unterzuordnen, weil sonst die Welt eines Tages untergehe, das schien mir nie mehrheitsfähig. Es ist jetzt ja nicht einmal mehrheitsfähig, länger als nur zwei Monate nahezu alles dem Überleben bestimmter Gruppen unterzuordnen. Auch das hat Corona uns gelehrt, weshalb der freundliche Konservative von nebenan rät: "Fridays for Future" muss auf die Couch. Es ist Zeit für eine ehrliche Selbstbefragung. Zeit für ein wenig Demut."

Ich lade Nikolaus Blome herzlichst ein, sich bei mir auf die Couch zu legen. Ich erzähle ihm gerne von der Welt dort draußen und habe auch einige Ideen, wie er als freundlicher Konservativer seinen Beitrag leisten könnte, damit die Menschheit eine Zukunft in Würde und Frieden erlebt. Demut braucht die Fridays for Future auf jeden Fall nicht. Die jungen Menschen haben allen Grund, wütend und selbstbewusst zu sein.

Gerade die Weltsicht von Leuten wie der eines Nikolaus Blome hat diese Art Aktionismus überhaupt erst notwendig gemacht. An einer Stelle seines Textes schreibt er, dass er als Kolumnist rechts von der Mitte kein Klimawandel-Leugner ist. Er ist aber ein Verharmloser. Und das ist in diesen Zeiten praktisch dasselbe.


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