• Lutz Jäkel

Der deutsche Kümmeltürke

Kolumne


Ich werde häufiger gefragt, warum ich mich gegen Rassismus und Diskriminierung engagiere. Mal abgesehen davon, dass ich es für selbstverständlich halte, sich gegen Rassismus einzusetzen, weiß ich natürlich, was die Frage bedeuten soll: "Hat's vielleicht noch andere Gründe?"


Tatsächlich gibt es ein Erlebnis, das lange zurückliegt, das mich aber - wohl eher unbewusst - sehr geprägt hat. Es ist ein Erlebnis, das mir immer wieder in Erinnerung rückt, wenn mich Leute fragen, warum ich als Nichtmuslim und bekennender Atheist mich beim Thema Islam, Muslime, Geflüchtete oder ganz allgemein für Menschen mit Migrationsgeschichte engagiere, schließlich kämpft man mit diesen Themen oft gegen Windmühlen an.

Dass ist das also tue, liegt vermutlich daran, als Kind selbst mal Diskriminierung erfahren zu haben, aber in einer Art, wie sie nicht zu erwarten war. Denn eines ist offensichtlich, ich bin nicht wirklich die Projektionsfläche für Diskriminierung: Ich bin ein Mann. Ich bin Deutscher. Ich bin weiß. Ich bin kein Muslim. Ich habe keinen Migrationshintergrund (zumindest sieht man mir nicht an, dass meine Großeltern aus Schlesien und Danzig kamen, aber das ist eine andere Geschichte).

Es gab aber tatsächlich mal eine Zeit, da galt ich als Kümmeltürke. Das kam so: Durch den Beruf meines Vaters haben meine Eltern und ich ein paar Jahre in Istanbul, also in der Türkei, gelebt, von meinem fünften bis zehnten Lebensjahr. Diese fünf Jahre waren nicht wirklich lang, aber lange genug, dass mich diese Erfahrungen geprägt haben. Die Türkei war und ist ein wichtiger Teil meiner Kindheit. Das wurde mir aber erst dann so richtig klar, als wir nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 nach Deutschland zurückgekehrt sind. Denn dann passierte etwas Kurioses.

“Holen Sie mal Ihren Bengel ab, der ist ja nicht zum Aushalten”


Als zehnjähriger Knirps war es für mich völlig normal gewesen, in der Türkei gelebt zu haben. War halt so. Für meine neuen Mitschüler in einem Gymnasium in der Nähe von Heidelberg war es das nicht. Viele hatten das nicht wirklich verstanden, warum ein Deutscher in der Türkei lebt. Was macht der da? Ist der dann nicht selbst Türke? Kurzerhand war ich für einige einfach der Kümmeltürke in der Klasse, so konnten sie damit ganz gut umgehen. Das war gleich doppelt absurd, weil ich ja nicht mal Türke war. Aber das war 1980, eine andere Zeit damals. Da waren Türken auch noch häufig die Knoblauchfresser.

So entstand ein Konflikt: Ich habe nicht verstanden, warum meine Mitschüler nicht verstanden, was für mich völlig normal war, und sie haben nicht verstanden, warum ich mich darüber als "Türke" aufgeregt habe. Heute bin ich, behaupte ich mal, eher ein ausgeglichener Mensch. Als Kind, nun ja, war ich das eher nicht. Vor allem Ungerechtigkeit konnte mich rasend machen (wenn beispielsweise mein Freund mehr Gummibärchen bekam als ich...). Ich war also schnell der Klassenclown (das ergab sich irgendwie aus dem Kümmeltürken) und noch dazu ein ziemlicher Rabauke. Das ging sogar so weit, dass der Schuldirektor bei meinen Eltern eines Tages anrief und flehte: "Holen Sie mal Ihren Bengel ab, der ist ja nicht zum Aushalten!" Oder so ähnlich formulierte er es. Nett war es jedenfalls nicht, ich musste nach Hause. Erschwerend kam hinzu, dass ich durch eine schwere Krankheit später eingeschult wurde, ich hatte den Anschluss nicht mehr so richtig geschafft.

Ich hatte also meine zweite Heimat Türkei nicht mehr, war grottenschlecht in der Schule - und dann war ich noch der Kümmeltürke. War nicht schön. Mein Glück war es, dass wir nach zwei Jahren umgezogen sind, ich in eine neue Schule kam und in eine Klasse, in der die Mitschüler und die Lehrer cooler waren - und es auch einen Türken gab. Ali hieß er, das weiß ich noch. Wir hatten uns auf Anhieb bestens verstanden, logisch. Wir waren dann auch erst mal zusammen schlecht in der Schule. Irgendwann habe ich die Kurve gekriegt mit den Noten.


Wie man auf dem Foto, das so etwa 1976 oder 1977 entstanden sein muss, sieht, habe ich mich in der Türkei schon immer sauwohl gefühlt. Ob Türke oder Deutscher oder was auch immer, das war mir schon als Kind schnurz, verstanden hatte ich da eh nicht.

Was ich aber verstanden hatte: Für einen Moment zu erfahren, wie es ist, diskriminiert zu werden. Und doch war es nur ein Moment. Wie also muss es für Menschen sein, die ihr Leben lang diskriminiert werden aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe? Oder wegen beidem? Es hat mich geprägt. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, auch ohne diese Kindheitserfahrung mich gegen Rassismus und Diskriminierung einzusetzen. Es ist doch selbstverständlich. Leider nicht für alle.


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