• Nadine Pungs

Die Wut der ungefickten Männer

Sie sind männlich, sexuell frustriert und sie wollen Frauen Gewalt antun. Die sogenannten Incels schließen sich im Internet zusammen und geben dem Feminismus die Schuld an ihrem unfreiwillig zölibatären Leben. Und manche Incels träumen gar von einem Amoklauf.


An einem Montagabend im Jahr 2018 setzte sich ein 25-jähriger Mann in Toronto in einen Kleinbus und überfuhr etliche Fußgänger. Zehn Menschen starben, darunter acht Frauen. Der junge Mann betitelte sich selbst als »Incel«, ein Wort, das sich vom englischen Begriff »involuntary celibates« ableitet, also unfreiwillig zölibatär. In der Szene wird er als Held gefeiert, seine Fotos werden geteilt. Ein Heiligenschein ziert sein Porträt.

Incels hassen Frauen, und primär hassen sie sich selbst. Sie halten sich für unattraktiv, obwohl sie aussehen wie normale junge Männer. Sie haben keinen Sex, werden nicht geküsst und machen Frauen dafür verantwortlich. Sie fühlen sich benachteiligt, gedemütigt, und sie gieren nach Rache. Incels bilden nicht nur eine Kameradschaft des Selbstmitleides, sie sind mittlerweile zu einer gefährlichen Subkultur herangewachsen, zu einem regelrechten Kult, vernetzt in einer globalen Online-Community. In Foren teilen sie Vergewaltigungsfantasien und Verschwörungsideologien, durchsetzt mit Frauenhass, Rassismus und Antisemitismus.

Incels glauben, es wäre ein männliches Grundrecht, Sex mit Frauen zu haben. Die Hübschen nennen sie »Stacys«. Doch weil ihre Forderungen bloß feuchte Träume bleiben, degradieren sie fast alle Frauen zu promiskuitiven, oberflächlichen Flittchen, die sich angeblich nur für Alpha-Männchen - den sogenannten »Chads« - interessieren oder sich lieber Hunden hingeben würden als hässlichen Männern. Oft beschuldigen Incels auch People of Color, ihnen die potentiellen Partnerinnen wegzuschnappen und damit den großen »Bevölkerungsaustausch« in Gang zu setzen. Schuld an der Misere sei der Feminismus, so keifen die Ungefickten, weil dieser die Selbstbestimmung und den Pluralismus fördere. Früher hätte es das nicht gegeben, da wäre jeder Mann auf seine wohlverdienten Kosten gekommen. Die Frau als sexuelle Ressource eben. Incels wünschen sich deshalb Vergewaltigungscamps und sie masturbieren zu Rape-Porn. Als Ideal gilt die minderjährige Jungfrau, anhänglich und unterwürfig. Emanzipierte Frauen, die kein Interesse an Kind und Kegel haben und sich gegen die Reste des Patriarchats auflehnen, werden als »Toiletten« und »Löcher« bezeichnet. Der Feminismus sei die Ausgeburt des Bösen, so schwadronieren die Ungeliebten, die sich offenbar narzisstisch gekränkt fühlen. Auch die rechtsextremen Attentäter von Halle und Hanau schimpften im Internet auf die Emanzipation, die ihrer Meinung nach verantwortlich sei für sinkende Geburtenraten.

Ob Incels aufgrund ihres Rechtsextremismus misogyn werden oder ob ihr Frauenhass sie letztlich in den Rechtsradikalismus führt, lässt sich nicht abschließend klären. Sicher ist jedoch, dass der Rechtsextremismus einen optimalen Unterbau für antifeministische, maskulinistische und sexistische Ideologien bietet, in denen sich die Frau daheim um die Aufzucht der »weißen Rasse« kümmern soll und sexuell verfügbar sein muss, während der Mann tagsüber Politik macht und sich am Abend holt, was ihm gebührt. Seitdem rechtsnationale Parteien und Populisten weltweit Zuspruch erhalten, wird der Feminismus nicht nur in diesen Kreisen, sondern auch in Teilen der konservativen Gesellschaft immer öfter als Feindbild begriffen, das es zu bekämpfen gilt. Amoklauf und Femizid bilden die Extreme der Misogynie.

Allerdings sind nicht alle Incels weiß. Unter ihnen finden sich auch junge Männer mit migrantischem Hintergrund. Sie fühlen sich ausgestoßen von der Gesellschaft, in der sie leben. Sie wollen dazugehören und schaffen es nicht. Deshalb entwickeln sie Groll. Auf sich, auf die Welt und auf die Frauen.

Die meisten Incels werden jedoch nicht handgreiflich, sie suhlen sich bloß in ihren Opfererzählungen, sehen sich als Verlierer, als Gamma-Männchen, sie sind zutiefst verzweifelt und brauchen eigentlich Hilfe. Einige von ihnen ergehen sich in Vernichtungsfantasien, die sie online ausleben. Oft richtet sich die Gewalt gegen das eigene Selbst, etliche Incels sind suizidgefährdet. In Foren bestärken sie sich gegenseitig in ihrem Selbsthass, bewerten sich nach Hässlichkeit, stacheln sich zum Suizid an. Und mitunter werden aus wütenden jungen Männern Terroristen. Einmal Macht haben, einmal das Alpha-Männchen spielen – so die Vorstellung dahinter.

Allein in den USA und Kanada starben bereits fünfzig Menschen durch Incels. Noch findet dieses Internet-Phänomen zu wenig Beachtung in der Gesellschaft, Sicherheitsbehörden fühlen sich nicht zuständig, professionelle Hilfe und Deradikalisierungsprogramme für Incels fehlen bislang. Es bleibt derzeit nur Wachsamkeit. Und Aufklärung. #incels #misogynie


Weitere Informationen:

Veronika Kracher: Incels: Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults, Ventil Verlag 2020 Dazu auch ein Beitrag aus der Kultursendung "titel thesen temperamente" 10.01.21 | 05:47 Min. | Es ist eine Parallelwelt voller Hass und Verachtung. "Incels" – frustrierte junge Männer, die keine Frauen finden und ohne Sex leben müssen – feiern im Internet Attentäter und Terroristen. Veronika Kracher hat in der Szene recherchiert.




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