• Lutz Jäkel

Ein Branche stirbt

Eine Welt ohne Konzerte, egal ob Pop, klassisch oder Jazz. Keine Oper und Musicals, kein Ballett. Kein klassisches oder modernes Theater, keine Comedy, kein Kabarett. Keine Vorträge, keine Lesungen. Keine Festivals. Keine TV-Shows mit Publikum. Keine Messen, keine Feiern, keine Tagungen. Keine Clubs. Keine Volksfeste. Keine Veranstaltungsgastronomie, kein Catering, kaum Hotellerie.

Eine gruselige Vorstellung? Das ist es.

Aber genau das ist seit einem guten halben Jahr mehr oder weniger Realität in Deutschland. Die gesamte Veranstaltungsbranche unterliegt aufgrund der Anti-Corona-Maßnahmen praktisch einem Berufsverbot. Was dabei die wenigsten wissen: Die Veranstaltungswirtschaft ist der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands mit 130 Milliarden Euro Umsatz jährlich. Rund eine Million Menschen arbeiten - und leben! - dafür.

Oder wie Herbert Grönemeyer in seinem flammenden Appell sagte:

"Allein der Rock'n'Roll-Bereich hat eine Wirtschaftskraft wie der Autobauer Porsche. Der Unternehmenswert ist größer als aller deutschen Bundesligen zusammen."

Seit Beginn der Corona-Krise steht alles still. Es gibt Umsatzeinbrüchen von 80 bis 100 Prozent! Viele, sehr viele Menschen in dieser Branche stecken in einer Existenzkrise, viele werden es wirtschaftlich nicht überleben. Und damit überlebt auch ein sehr wichtiger Teil der Kultur Deutschlands nicht.

Daher hatte am 09.09.2020 das Bündnis #AlarmstufeRot (https://alarmstuferot.org/), eine Allianz der mitgliederstärksten Initiativen, Verbände und Vereine aus der Veranstaltungswirtschaft, zur Demo in Berlin aufgerufen, rund 6500 Menschen waren laut Polizeiangaben gekommen (die Veranstalter sprechen von rund 15.000) und haben lautstark und oft kreativ demonstriert.

Der große Unterschied zu den letzten Demos, die wir leider in den letzten Wochen und Monaten in Berlin erleben mussten: Hier gehen Menschen für echte Not auf die Straßen, haben sehr berechtigte Anliegen - es geht um ihre blanke Existenz. Und nicht um die Angst vor einer "Diktatur" oder den "Erstickungstod" durch einen "Maulkorb".

Die Demonstrierenden hielten alle weitgehend Abstands- und Hygienevorschriften ein, alle (!) trugen Masken. Die Veranstalter betonten mehrfach, dass sie nicht die Vorsichtsmaßnahmen der Regierung in Frage stellen! Die Veranstalter klagten auch nicht nur, sondern sie machten konkrete Vorschläge, wie unter Hygienevorschriften Veranstaltungen stattfinden können. Sie haben eine Deklaration ausgearbeitet (zum Download: https://bit.ly/3m5jDWB), die eine Diskussions- und Verhandlungsgrundlage mit der Politik sein soll.

Apropos Politik: Die war auch mit Prominenz und teilweise engagierten Redebeiträgen vertreten: U.a. mit Lars Klingbeil (Generalsekretär der SPD), Katrin Göring-Eckardt (neben Anton Hofreiter Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen), Bernd Riexinger (mit Katja Kipping einer der beiden Parteivorsitzenden der LINKEN), Klaus Ernst (MdB Die Linken), auch CDU und FDP waren vertreten (aber keine prominenten Vertreter).

Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) war nicht gekommen.

Lars Klingbeil erzählte, dass er viele Jahre in einer Band gespielt habe, aber er sei zu schlecht gewesen, daher sei er in die Politik gegangen. Gelächter. Was er aber sagen wollte: "Ich kenne die Szene und verstehe eure Nöte." Hoffentlich. Denn offenbar verstehen in der Politik nicht alle, was unter Kultur zu verstehen ist. Der Tagesspiegel zitiert Dirk Wöhler, Inhaber einer Eventagentur und seit zwanzig Jahren Präsident des Berufsverband Discjockey, der kürzlich ein längeres Gespräch mit Kulturstaatssekretärin Monika Grütters führte: "Wenn Frau Grütters von Kultur spricht, dann meint sie die Hochkultur. Wir, die Organisatoren von Familien- und Betriebsfeiern, Messebauer, die DJs und Subkulturen kommen bei ihr nicht vor."


Was ich trotz der wichtigen Signale der Demo allerdings sehr ernüchternd finde: Die Berliner Zeitung und die 20-Uhr-Tagesschau haben von der Demo und ihren wichtigen Anliegen berichtet, dazu ein paar wenige Regionalsender, auch t-online brachte einen Beitrag, der allerdings die Situation vor allem mit der prominenten Stimme von Herbert Grönemeyer transportierte. Das ist nicht verkehrt, schließlich war die Rede von Grönemeyer grandios. Nur: Sämtliche Branchenvertreter haben die gleichen flammenden Appelle an die Branche und die Politik gerichtet. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Hilfen, sondern um die Botschaft, die auch auf einem Transparent gut zu lesen war: "Wir wollen arbeiten!" Und das kann funktionieren, die Veranstaltungsbranche weiß schließlich mit am besten, wie man Sicherheitskonzepte umsetzen kann.

Aber: Von letzterem war auch bei t-online nichts zu lesen. Und was besonders bitter ist: Die Süddeutsche Zeitung, DER SPIEGEL, FAZ.NET - Frankfurter Allgemeine Zeitung - um mal drei große Leitmedien zu nehmen - haben über die Demo überhaupt nicht berichtet. Keine Zeile.

Wenn also führende Medien das Thema nicht aufgreifen, wie soll dann die große Politik dafür ein Ohr haben? Die Branche mit einem Umsatz von 130 Milliarden Euro jährlich und rund einer Million Beschäftigten hat keine Lobby. Wie kann das sein?

Das, was Herbert Grönemeyer in seiner Rede sagte, ist offenbar vielen nicht klar:

"Ein Land ohne Live-Kultur ist wie ein Gehirn ohne geistige Nahrung, ohne Euphorie, Aufbruch, Lust, Diskurs, Lachen und Tanz. Es verdorrt, gibt Raum für Verblödung, für krude und verrohende Theorien, verhärtet und fällt seelenlos auseinander."

Raum für Verblödung - dass diese Gefahr besteht, erleben wir seit Monaten. Und da sind wir dann wieder bei den anderen Demos in Berlin der letzten Wochen. Hier ein Auszug aus der Rege Herbert Grönemeyers:

Text, Fotos & Video © Lutz Jäkel

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