• Lutz Jäkel

"Es geht nicht um Rassismus. Es geht nur um Sexismus durch Migranten!"

Kolumne


Ich bin immer wieder baff erstaunt, welch absurden Züge Diskussionen auf Facebook annehmen können. Und wahrscheinlich fragt ihr euch, warum ich hier ein Foto von Dayami, meiner kubanischen Frau, zeige? Es war so: Bei einem meiner FB-Freunden las ich den Eintrag, man müsse nur mal das Wort "Joggen" googeln und schon werde einem bewusst, in welcher Gesellschaft wir inzwischen lebten. Frauen könnten in Deutschland inzwischen nicht mehr alleine und ohne Gefahr joggen gehen, Frauen seien vielerorts nur noch Freiwild, nachts könnten Frauen eigentlich nicht mehr alleine unterwegs sein. Das sei ein Beleg für die verkorkste Flüchtling- und Integrationspolitik der Bundesregierung. Jener FB-Freund wünschte sich das Deutschland vor 15 Jahren zurück, in dem Frauen keine Angst zu haben brauchten und tragen konnten, was immer sie wollten. Er und ich, wir kennen uns schon länger auf Facebook, versuchen es immer wieder mal mit einer Diskussion, eigentlich ohne Erfolg. Aber diese Kommentare hatten mich erneut herausgefordert, weil sich mich auch aus persönlichen Gründen besonders ansprachen. Ich kommentierte also, dass Übergriffe auf Frauen selbstverständlich zu verurteilen seien, ob er aber ernsthaft der Ansicht sei, dass das neu ist und dass Frauen vor 15 Jahren keine Angst zu haben brauchten? Sein Beitrag suggerierte schließlich, dass in Deutschland mehr oder weniger für Frauen alles in bester Ordnung war, seit einigen Jahren jedoch, besonders seit 2015, gehe Deutschland bei diesem Thema so langsam aber sicher vor die Hunde. Meine Frage zielte natürlich auch darauf ab, warum beim Thema Sexismus ausschließlich auf "Nafris" (so formulierte es besagter FB-Freund) und Araber bzw. allgemein Migranten abgehoben werde?


Was das mit Dayami zu tun hat? Ich fragte, ob es ihn und seine Follower interessieren würde, was meine kubanische Frau, eine Mulattin, zu sagen habe zu dem Thema, eine Frau konnte vor 15 Jahren noch frei rumlaufen, das sei heute kaum noch möglich. Dayami nämlich hat sehr ähnliche Erfahrungen gemacht: nur von einer anderen Seite. Dayami konnte vor 15 Jahren auch noch nach einem Auftritt mit ihrer Band mit dem Zug nach Hause fahren. Nach mehreren rassistischen Übergriffen kann sie das inzwischen nicht mehr. Deswegen haben wir schon lange neben einem kleinen Tourbus noch ein kleines Auto, mit dem Dayami nach Auftritten nach Hause fährt, um sicher anzukommen.

Es war bemerkenswert, wie die Diskussion bei jenem FB-Freund verlief. Ein User quittierte die Frage, ob Dayami mal von rassistischen Übergriffen erzählen sollte, mit einem Smiley. Wohl in der Art zu verstehen, wie eine Userin schrieb: "Ja, soll sie. Und dann?" Mein Einwand lief also in der Wahrnehmung der Teilnehmer darauf hinaus, was mein FB-Freund schrieb:

"Lutz, dass es auch Rassismus von Seiten der Mehrheitsgesellschaft gibt, bestreite ich nicht - und der ist auch zu verurteilen. Das ist aber ein anderes Thema."


Ein anderes Thema. Wenn also er und seine Follower sich über sexuelle Übergriffe von "Nafris", Arabern und Migranten unterhalten, so ist das "nur" ein Thema über Sexismus.


Eine Userin fragte, warum ich betone, dass meine Frau eine Mulattenfrau sei und schreibt: "Sie wollen auf Rassismus spielen, hier geht's aber klar um Sexismus." Nachdem ich ihr zunächst schrieb, dass Dayami eine Kubanerin, Mulattin und eine Frau sei und keine "Mulattenfrau" (sie sei ja auch keine Deutschenfrau; wie verräterisch Sprache sein kann), schrieb ich dies:

"Da fragt allen ernstes jemand, warum ich betone, dass meine kubanische Frau Mulattin ist? Ähem. Vielleicht weil sie halb schwarz ist? Vielleicht weil man ihr ansieht, dass sie nicht "bio"-deutsch ist? Und sie deswegen schon häufiger rassistisch angegangen wurde? Und dann fragt ihr euch, warum ich das Thema Rassismus aufbringe, da ihr doch eigentlich über Sexismus diskutiert? Ist das ernsthaft eure Frage? Ich habe auch in letzter Zeit viel über Sexismus diskutiert und tue es noch. Aber wir diskutieren über Sexismus in allen (!) Gesellschaften. Wenn also wissen möchtet, warum ich auch beim Thema Sexismus das Thema Rassismus ins Spiel bringe, dann empfehle ich, einfach noch mal die Kommentare hier [bei jenem FB-Freund] zu lesen und sich ehrlich die Frage zu stellen, inwieweit die Themen zusammenhängen. Dann berücksichtigt bitte die aktuelle Debatte um Sexismus wie die Tatsache, dass meine Frau halbschwarz ist. Dann kommt ihr hoffentlich auch auf den Zusammenhang."

Nein, sie kamen nicht auf den Zusammenhang. Ich wurde dann wahlweise bezeichnet als Kriminalitätsverharmloser (wobei ich deutlich geschrieben hatte, dass auch sexuelle Übergriffe von Migranten ein großes Problem sind), bekennender Linker, toleranzbesoffener Gutmensch, Verfechter offener Grenzen, Träumer, Frauenunversteher oder als - und jetzt kommt's - selbst als Rassist oder Sexist.


Eine Userin fragte [sic]:

"Lutz Jäkel Und was soll das nun heißen, daß Ihre Frau "halbschwarz" und Kubanerin ist, wird sie deswegen von den Arabern und Afrikanern nicht belästigt ? Kann ich mir kaum vorstellen."

Diese Frage sollte man mal wirken lassen. Meine Frage, warum sie jetzt nach Belästigungen von Arabern und Afrikanern fragte, ob das eine andere Form von Belästigung sei als von, sagen wir, Deutschen, hatte sie nicht verstanden, zumindest gab es keine befriedigende Antwort.

Jener FB-Freund schrieb:

"Lutz, es freut mich ja für deine Frau, dass sie noch nicht von Arabern oder Nordafrikanern angemacht wurde. Das sagt aber letztlich nur aus, dass sie diesbezüglich Glück gehabt hat."

Glück gehabt.

Der FB-Freund schrieb weiter:

"Lutz, wenn deine Frau wegen ihrer dunklen Hautfarbe dumm angemacht wird, ist das zu verurteilen, hat aber nichts mit dem Thema zu tun. Hier geht es um sexuelle Übergriffe von Migranten vornehmlich aus dem islamischen Kulturkreis aufgrund einer frauenfeindlichen Sozialisation. Phänomene wie El Taharrush sind eben keine europäischen Phänomene, sondern kommen z.B. vor allem in Nordafrika vor."

Man muss wissen (und das habe ich auch dort geschrieben), dass Dayami wegen ihrer dunklen Hautfarbe nicht "dumm angemacht" wurde (wie war das mit dem Relativieren?). Sie wurde beispielsweise vor einigen Jahren bei einem Konzert in Potsdam von drei Männern auf dem Weg zur Bühne eingekreist und massiv verbal ("Solche Leute wie dich wollen wir hier nicht! Ausländer raus!) und körperlich bedroht! Mittags, am hellichten Tag. Viele Leute drumherum, viele haben das beobachtet. Ist jemand eingeschritten, hat jemand Dayami geholfen? Nein. Niemand. Alle hatten weggesehen. Dayami sagt bis heute:

"Das schlimmste war, dass die selben Leute, die vorher weggeschaut haben, dann vor der Bühne wild getanzt, mir zugejubelt und nach Zugaben gerufen haben. Ich hätte heulen können!"

Taharrusch, also das Belästigen durch eine Gruppe von Männern, gibt es in Deutschland nicht? Reaktion der User auf die Geschichte von Potsdam? Fast alle in der gleichen Weise:

"Klar, dass deine Frau rassistisch angemacht wurde, ist scheiße und zu verurteilen. Aber he, wir diskutieren hier jetzt nicht über Rassismus, sondern über Sexismus durch Migranten! Warum verharmlost du Gewalt gegen Frauen?"

Eine Userin schrieb:

"Potsdam? Das ist total links, wenn sich hier jemand rassistisch äußert, bekommt er aufs Maul!"

Ich bin ja einiges gewohnt durch Diskussionen, vor allem auf Facebook. Aber manchmal lassen mich solche Diskussionen fassungslos, wütend zurück. Oder wie Dayami es formulierte:

"Sie glauben das wirklich, was sie da schreiben, oder? Sie glauben wirklich, dass sie nur über Sexismus diskutieren?"

Dayami bekam feuchte Augen, weil in ihr die Erinnerungen an diese Übergriffe wieder hochkamen, die sie gut verdrängt hatte. Und dann lesen muss, wie das durch Facebook-User relativiert wird. Denn, he, wir diskutieren ja auch nicht über Rassismus, sondern nur über Sexismus durch Migranten. #rassismus #migranten #sexismus #dayami #dayamigrasso

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