• Jeannette Hagen

False Balance auf den Tisch


Nach #allesdichtmachen nun #allesaufdentisch. Weil man „mit zunehmender Sorge die Entwicklung des politischen Handelns in der Corona-Krise“ beobachtet. Sehr löblich, könnte man meinen. Da sind Menschen, die sich einen „breitgefächerten, faktenbasierten offenen und sachlichen Diskurs“ wünschen. Genau das brauchen wir in einer Demokratie. Genau das macht sie manchmal anstrengend. Trotzdem ist sie zweifelsfrei die beste politische Ordnung, die die Menschheit bisher ausprobiert hat – im Großen, wie im Kleinen, in Familien, in Staaten. Unsere Demokratie ist noch recht jung, klemmt vielleicht hier und da und muss sich gerade in letzter Zeit verstärkt behaupten. Umso wichtiger sind Konzepte, Ideen – zusammengefasst: Engagement für ihren Erhalt. Also alles auf den Tisch? Debattieren über das, wo es klemmt? Ja, unbedingt. Mit allen?

Pioniere des Neuen


Hier wird es schwierig. Eine Gratwanderung, der man sich von zwei Seiten annähern kann, wofür ich ein wenig ausholen muss. Schaut man sich in unserer Geschichte um, lässt sich entdecken, dass es meist Künstler*innen und Wissenschaftler*innen waren, die nicht nur visionär gedacht, sondern durch Aktionen und mutiges Handeln Tore geöffnet haben, durch die die breite Masse irgendwann gehen wollte und konnte. Es waren Menschen, die Widerstand geleistet haben, die verfolgt wurden und nicht selten ihr Leben aufs Spiel gesetzt oder sogar damit bezahlt haben.

Anfangs wurden sie nicht gehört und verlacht. Manchmal zeigte sich erst nach ihrem Tod, wie richtig das, was sie gesehen oder aufgezeigt haben, war. Das ist der Grund, warum wir alle gut daran tun, neue Ideen, Einzelmeinungen, revolutionäres und visionäres Denken nicht als Spinnerei abzutun. Leben heißt Wachstum, und Wachstum geschieht durch Veränderung. Wer starr auf seiner Meinung beharrt und meint, dass es der Weisheit letzter Schluss ist, alles immer wie immer zu tun, der wird irgendwann eines Besseren belehrt. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, hat Michail Gorbatschow gesagt, und nichts könnte im aktuellen Kontext auf vielen Ebenen wahrer sein.


Verhinderer oder Zerstörer


Auf der anderen Seite des Grats stehen jene, die es auch schon immer gab: Menschen, die sich ebenso gegen das herrschende System oder politische Entscheidungen stellen. Die Schwachstellen sehen, in Sorge sind, Kritik üben. Die auch bereit sind, sich gegen Mehrheitsmeinungen zu positionieren und damit durchaus Zentrifugalkräfte entfalten können, sozusagen aus dem Kern heraus und unter Zuhilfenahme der Regeln und Annehmlichkeiten des alten Systems am Ende genau das zerstören. Allerdings – und das ist der Unterschied – meist ohne eine Vision im Gepäck, die zeigt, wie es danach besser oder anders sein könnte. Auch selten mit dem Anspruch, konstruktiv zu sein, es für alle besser zu machen, sondern erst einmal nur, um der Veränderung willen, um Veränderung aufzuhalten oder im schlimmsten Fall, um Veränderung hin zur Meinungsdiktatur einzuleiten. Weil eben nur die eigene Meinung zählt. Wir wissen aus der Geschichte, wie viel verbrannte Erde solche Entwicklungen hinterlassen haben. Revolte statt Revolution – um ihrer selbst willen, aus Kränkung heraus, aus Trotz, aus Sturheit, aus Freude an der Zerstörung, manchmal auch nur, um endlich beachtet und gesehen zu werden.


In diese Kategorie fällt für mich #allesaufdentisch.


Ich, das Opfer


Man kann #allesaufdentisch nicht sehen, ohne #allesdichtmachen und die Interviews der Initiatoren und Beteiligten danach, mitzudenken. Packt man alles zusammen, wird schnell deutlich, dass es nicht um Diskurs geht. Eher geht es darum, nachzutreten. Dazu werden ein paar Kaliber mehr aufgefahren – Wissenschaftler*innen hinzugezogen. Jene, die nicht mitmachen wollten, darunter die Wissenschaftler Mai Thi Nguyen-Kim und Harald Lesch und auch Gesundheitsminister Jens Spahn, werden mit schwarzen Kacheln bedacht. So prangern die Macher an, dass ja alle Seiten die Möglichkeit gehabt hätten, sie aber nicht wahrnehmen wollten. Eine Anklage, bei der sie sich gleichzeitig als Opfer inszenieren. Ein perfides, narzisstisches Spiel.


Beim Blick auf die Protagonist*innen fällt noch etwas anderes auf. Alle vertreten Nischenmeinungen, die sehr wohl Teil der Corona-Debatten waren. Die auch diskutiert, aber eben verworfen wurden. Viele der Beteiligten wurden interviewt, konnten ihre Meinung vertreten, haben sogar Bücher darüber publiziert oder auf ihren Kanälen einem großen Publikum ihre Sicht der Dinge nähergebracht. In der Wissenschaft ist das ein üblicher Prozess – jemand stellt seine Forschungsergebnisse vor, sie werden diskutiert und entweder weiterentwickelt oder verworfen. Und natürlich passieren in solch einem Prozess Fehler, wird etwas, das vielleicht durchaus konsensfähig gewesen wäre, übersehen und verworfen. Aber muss man deshalb die Systemfrage stellen? Nein. Da gibt es momentan sicher bedeutendere Diskurse, wo die angebracht wäre.


Verschwörungstheorien-Dschungel


Was noch auffällt, ist, dass in den Interviews von vornherein Einigkeit darüber herrscht, dass diese Pandemie gar keine ist, sie gezielt initiiert wurde, die Herrschenden sie als Instrument benutzen und alle, die die Maßnahmen für ganz vernünftig hielten, willenlose, ängstliche, wenig selbstreflektierende, gesteuerte Marionetten oder Lemminge sind, die ihren Schlächtern bereitwillig in die Hölle folgen. Die nicht erkennen wollen, was hier abgeht, wie man belogen und betrogen wird. Willkommen auf dem Weg in den Verschwörungstheorie-Dschungel und in der Projektion. Wenn zum Beispiel der zweite Satz von Tilmann Krumrey (Künstler) ist:


„Ich mache diese Aktion mit, weil ich der Meinung bin, dass gerade in dieser Zeit, wo unsere gesamte Gesellschaft infrage gestellt ist, wo, wie ich meine, eine „Plandemie“, also eine geplante Epidemie, mit der unsere Freiheitsrechte ausgehebelt werden, herrscht, es wichtig ist, dass die Künstler ihre Stimme erheben.“,

dann sei doch bitte die Frage erlaubt, wie ernst ich alles, was danach noch kommt, nehmen kann oder soll. Ich höre weiter zu, höre, wie Raimund Ungerer davon spricht, dass man als Künstler*in heutzutage nur noch einen Fuß aufs Parkett bekommt, wenn man „für »Refugees Welcome«, für die Klimabewegung oder für den Kampf gegen Rechts ist“.

Jetzt geht es also gar nicht mehr um Corona oder eine Veränderung hin zum Besseren, sondern darum, die eigenen Grenzen, an die die Protagonist*innen vielleicht gestoßen sind, auf die Gesellschaft zu übertragen. Ein Muster, das sich in fast allen Interviews wiederholt. Alle da draußen, die freiwillig mitlaufen, werden in Zwangshaftung für das eigene Leid genommen. Die Geschichte ist voll mit Beispielen, wo das die primäre Motivation zum Handeln war. Ich gegen das Establishment – nicht, um es zu revolutionieren, sondern weil ich mich falschverstanden fühle. Die krasseste Form davon ist der Homizid-Suizid, eine Selbsttötung, bei der andere Menschen mit in den Tod gerissen werden, um das eigene Selbstkonzept zu schützen. Die Germanwings-Tragödie war so ein Fall.


Schutz vor Kritik und Gegenmeinung


Dazu passt, dass Standpunkte, die nicht der eigenen Haltung entsprechen, bei #allesaufdentisch keinen Platz haben. So werden Kommentare auf Youtube, die auf Quellen verweisen, die andere Meinungen oder Forschungsergebnisse propagieren, als die vertretenen „Expertenmeinungen“, einfach gelöscht. Ein User im Forum schreibt:


„Kommentare löschen die Quellen zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen beinhalten, weil sie den Machern der Aktion nicht gefallen ist zum einen peinlich, zum anderen Zensur! Sich darüber zu beschweren und dann selber zu betreiben sagt sehr viel über die Qualität dieser Aktion aus.“

Meinungsdiktatur?


In diese Kategorie passt auch, dass einige der Teilnehmenden Parteien oder Bewegungen zugehörig sind, die entweder rechte Schlagseite haben oder/und sich in letzter Zeit nicht gerade durch Diskursbereitschaft oder Meinungsvielfalt hervorgetan haben. Dazu die Autorin Stephanie Ristig-Bresser auf ihrem Facebook-Account:


Wotan Wilke Möhring interviewt den bekannten Rechtsanwalt Joachim Nikolaus Steinhöfel zum Thema Meinungsfreiheit. Darin relativiert Steinhöfel, dass er als Rechtsanwalt u.a. für den Bundesvorstand der AfD tätig geworden war - mit der Begründung, er habe Mandant*innen aus allen politischen Spektren. Steinhöfel ist übrigens auch als „Abmahnanwalt“ bekannt, mit denen er im Auftrag eines Großkunden daran mitgewirkt hat, kleinere Onlineshop auszuknocken. Das ist doch sehr sympathisch, oder? Außerdem galt er als „wortgewaltigster Kritiker“ der Geflüchteten-Politik Angela Merkels und wird dem neurechten Spektrum zugeordnet.“

False Balance


Das Traurige an dieser Aktion ist, dass vielen, die sich mit damit gemeinmachen, nicht bewusst ist, wie destruktiv ihr eigentlich vielleicht sogar gut gemeinter Ansatz ist. Natürlich gehört einiges auf den Tisch. Natürlich muss die Corona-Krise und der Umgang damit aufgearbeitet werden, müssen Maßnahmen hinterfragt werden, um es zukünftig besser zu machen. Dafür bietet die Demokratie ein breites Spektrum an Handlungsoptionen. Was nicht funktioniert, ist, eine Contra-Position mit Expertenwissen zu spicken, das komplett gegen den Konsens der Wissenschaft steht. Das erzeugt einfach nur einen False-Balance-Effekt. Hier wird falsch gewichtet – was letztendlich der Demokratie schadet, weil es viele in die Irre führt.


Echter Widerstand


Die Gefahr, die von solchen Aktionen ausgeht, ist klar zu benennen. Sie liegt auf mehreren Ebenen. Allen voran stiftet sie Unfrieden, verunsichert, schürt Ängste. Menschen, die auf der psychologischen Ebene davon ausgehen, benachteiligt, hintergangen oder ungerecht behandelt worden zu sein, können sich davon getriggert fühlen. Wie das enden kann, haben wir erst vor ein paar Wochen gesehen, als ein Maskenverweigerer einen jungen Mann aus Frust erschossen hat.


Eine weitere Gefahr geht von den Machern selbst aus, die sich für das, was sie tun und von dem sie meinen, dass es ihr Recht ist, nicht ausreichend gesehen und gewürdigt fühlen. Das nährt den Kreislauf der Projektion und muss darin gipfeln, dass die nächsten Aktionen deutlicher und in ihrem Kern gewaltvoller werden.


Dem sollten wir uns klar entgegenstellen. Mit echtem Widerstand.