• Nadine Pungs

Flucht

Noch immer leben Geflüchtete unter unwürdigen Bedingungen in Lagern auf den griechischen Inseln und anderswo. Und noch immer kentern Boote auf dem Mittelmeer und Menschen sterben. Hier ist die Geschichte eines jungen Syrers, der dem Horror entkam. Ich traf ihn zufällig auf einer meiner Reisen, irgendwann in Arabien.

Homs zählt zu einer der am meisten zerstörten Städte Syriens / Foto © Christian Werner

Im Bus neben mir sitzt Masoud. Er will nach Abu Dhabi, so wie ich. Alle Plätze sind besetzt, die Nachmittagssonne müht sich durch die Wolken. Masoud ist Mitte dreißig, wohnt seit einigen Jahren in Schweden, arbeitet dort als Ingenieur, spricht die Sprache fließend. In den Emiraten besucht er Freunde. »Ich möchte feiern«, sagt er, und schwarze Locken fallen in seine Augen. Vor dreieinhalb Monaten hat er die schwedische Staatsbürgerschaft erhalten, er lächelt. Dass er überhaupt noch lebt, ist Glück, denn er musste fliehen. Aus Homs, jener Stadt in Syrien, die zu Asche gebombt wurde.

Granatsplitter brannten sich in seine Wangenknochen. Man sieht sie noch. Masoud erzählt, seine Stimme ist ruhig, vor dem Fenster zieht die Landschaft in staubigen Ockertönen vorbei. »Zuerst bin ich in die Türkei geflohen, von dort nach Libyen, na ja, und dann mit dem Boot übers Mittelmeer Richtung Italien.« Der Schlepper kostete 8000 Euro, vor dem Krieg war Masouds Familie wohlhabend, besaß ein paar Häuser in der Stadt. Jetzt stehen sie nicht mehr. Seine Eltern und seine Schwestern flüchteten nach Saudi-Arabien, aber Masoud wollte nicht aus dem einen Regime entfliehen, um dann im nächsten zu landen. »Ich habe mich nach Freiheit gesehnt«, sagt er.

Dreihundert Menschen passten auf den ausrangierten Fischkutter, siebenhundert gingen an Bord. »Es war so eng, dass wir kaum atmen konnten«, erzählt Masoud und hält sich die Hand an die Kehle. »Wer mehr bezahlt hatte, bekam den besseren Platz und eine Rettungsweste, die anderen hockten aufeinander, wie Hühner im Käfig.«

»Wer waren die anderen?«, frage ich.

»Frauen, Männer, auch Kinder aus Somalia und Eritrea.«

Eineinhalb Tage trieben die Vertriebenen auf hoher See, der Dieselmotor rauchte. Als sie in der Ferne einen Tanker erblickten, hofften sie auf Rettung. »Plötzlich standen die Leute auf, das Boot begann zu schaukeln«, Masoud reibt sich die Stirn, »sie konnten sich nicht festhalten.« Er holt Luft, bevor er den Satz beendet. »Mindestens hundert Menschen fielen ins Meer.«

Der Tanker drehte ab, nicht alle schafften es zurück ins Boot. »Stundenlang hörte ich ihr Weinen und ihre Schreie«, sagt Masoud und schluckt, »aber irgendwann wurde es leiser, und dann schrie niemand mehr.«

Der Kutter hatte Schlagseite, Wasser drang ein, der Motor war ausgefallen, Masoud schloss mit seinem Leben ab. »Was hast du gedacht?«, frage ich ihn.

»Du denkst nichts«, antwortet er, »da ist nur der Himmel über dir und das Meer unter dir.« Er erinnert sich nicht, ob es Stunden oder Tage dauerte, doch irgendwann tauchte ein dänischer Frachter am Horizont auf. »Es war ein Wunder«, sagt Masoud, als könnte er es immer noch nicht fassen. Das Schiff hielt Kurs und nahm die Flüchtlinge auf. Masoud überlebte, Abertausende andere nicht. Das Mittelmeer ist ein Massengrab geworden.

»Die Schreie kann ich nicht vergessen«, sein Blick verliert sich in der Landschaft. Die Nachmittagssonne tunkt die Wüste in ein Licht aus flüssigem Bernstein. Masoud schätzt, dass sechzig Frauen, Männer, Kinder ertranken. Jene Menschen, die sich nur die billigen Plätze und keine Rettungswesten hatten leisten können.

Wir schweigen, schauen aus dem Fenster. Nach einer Weile frage ich ihn, was er über Syrien denkt. Über Russland, Iran, die Türkei, die USA. Über die Kurden, Daesh, Assad. Über all die Akteure, die seine Heimat zu dem gemacht haben, was sie jetzt ist. »Politik ist eine Hure«, entgegnet er, »sie ist bloß an Geld und Macht interessiert. Nichts weiter.«

Der Bus biegt in den Hauptbahnhof ein, Plastiktüten rascheln, Handys klingeln.

»Was war für dich der schönste Moment in Freiheit?«, will ich noch wissen, bevor wir aussteigen. Masoud antwortet prompt: »Als ich das erste Mal wählen gehen durfte.« Er lächelt.



Der Originaltext ist abgedruckt in:

Cover Nadine Pungs: Meine Reise ins Übermorgenland

Nadine Pungs: Meine Reise ins Übermorgenland.

© 2020 Piper Verlag GmbH, München

256 Seiten, 18 Euro ISBN: 978-3890295244