• Lutz Jäkel

Hand in Hand in Qatar

Zu Recht ist die Empörung groß über die Äußerung Khalid Salmans, des katarischen WM Botschafters und früheren Fußball-Nationalspielers, wonach Homosexualität ein "geistiger Schaden" sei. Wobei die Frage gestellt werden darf, warum es überrascht, dass in einem tendenziell homophoben Land sich jemand homophob äußert. Ich finde es eher überraschend, dass diese Äußerung nach meiner Wahrnehmung größere Wogen schlägt, als die vielen Berichte über die sklavengleichen und rassistischen Behandlungen vieler Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in diesem superreichen Land.


Wie auch immer. Was bei der Reaktion auf die homophobe Äußerung Salmans auffällt, ist die Befürchtung, homosexuelle Menschen müssten während der WM (und sonst natürlich auch) mit Problemen rechnen, sollten sie in der Öffentlichkeit ihre Zuneigungen oder Liebe zeigen. Diese Befürchtung ist sicher berechtigt. Allerdings: Das betrifft nicht nur homosexuelle Menschen, sondern auch heterosexuelle. Das werden vermutlich die wenigsten WM-Fans wissen.

Denn zum Beispiel in der Öffentlichkeit sich zu küssen oder gar zu knutschen, ist generell ein gesellschaftliches No-Go. Das geziemt sich einfach nicht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Es ist ja durchaus denkbar, dass homosexuelle Fußballfans, gleich ob Männer oder Frauen, es vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion so ein bisschen, sagen wir, provozieren wollen, um die Grenzen der vermeintlichen Toleranz zu testen. Sollte es dazu kommen, sollte man zumindest bedenken, dass Zärtlichkeiten in der öffentlichen Gesellschaft generell ein Problem sind.

Vor diesem Hintergrund mag es skurril anmuten, dass es eine Tradition oder Geste in allen arabischen Länder gibt, die einer eher homophoben Gesellschaft zuwider zu laufen scheint: Häufig nämlich sieht man Männer Hand in Hand spazieren, wie auf diesem Foto, das ich vor Jahren mal in Dubai gemacht habe. Ich zeige dieses Foto gerne in Vorträgen oder in meinen Workshops. Und immer gibt es dazu Fragen: "Ist das nicht ein Widerspruch?" Antwort: Nein, ist es nicht. Zumindest nicht aus der Sicht dieser Gesellschaften. Denn wenn Männer sich an die Hand nehmen, ist das lediglich ein Zeichen der Freundschaft, nicht der besonderen, speziellen Zuneigung (wobei das natürlich nicht ausgeschlossen werden kann). Ich habe in Syrien sogar schon Soldaten oder Polizisten Hand in Hand gesehen.

Diese Geste übrigens zählt zu einer meiner ersten "interkulturellen Erfahrung" in der arabischen Welt. 1994, lange her, habe ich im Jemen gelebt. Bei einer Reise durch das südlichste Land auf der Arabischen Halbinsel sind ein guter Freund von mir und ich mit Qat-Händlern von der Hauptstadt Sanaa Richtung Osten nach Saiyun im Hadramaut gefahren. Wir mussten dabei mit den Jeeps ein Stück der Wüste Rub al-Khali, des sogenannten Leere Viertels, durchqueren, es gab Pisten. Bei einer Pause bin ich, voller Faszination davon, zum ersten Mal in der größten Sandwüste der Welt zu sein, auf eine Sanddüne gestiegen, schaute in die Wüste hinein. Die Sonne stand schon sehr schräg, alles war in ein warmes Licht getaucht, fast schon kitschig, trotzdem schön. Als ich so auf der Düne stand, kam einer der jemenitischen Qat-Händler dazu, stellte sich neben mich, schaute mich an, lächelte - und nahm mich an die Hand. Das, nun ja, irritierte mich schon. Aber da wusste ich eben noch nichts von dieser Geste, von dieser Tradition. Der Jemenit, er hieß Ahmad, das weiß ich noch, bemerkte meine Überraschung, lächelte noch immer und sagte: "Sadaaqa", Freundschaft.

Sollten also homosexuelle Männer sich an die Hand nehmen, sollte das eigentlich nicht besonders auffallen... #wmqatar #wmkatar #homophob #homophobie