• Lutz Jäkel

Nachts hören, tagsüber sehen

Reportage


Botswana zählt mit seiner einzigartigen Natur- und Tierwelt zu einer der entdeckungsreichsten und spannendsten Reiseziele Afrikas. Man lernt Demut vor der Schönheit eines Teils der Erde. Damit das so bleibt, setzt das Land auf einen exklusiven Individualtourismus, Massentourismus wie in Südafrika gibt es nicht. Auch Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle, dafür werden verschiedene Öko-Labels verliehen. In Botswana hat man außerdem verstanden, dass es langfristig besser ist, Fotos statt Tiere zu schießen.

Ich liege in der pechschwarzen Nacht im gemütlichen Kingsize-Bett, starre auf das Moskitonetz und frage mich: Diese ganzen Geräusche, dieses Kriechen, Scharren, Fauchen, Krabbeln, Tapsen, Stampfen, Schnauben, Zischeln, Kreischen, Schnattern, Rascheln: Ist das jetzt im Zelt? Oder doch außerhalb? Erst in der zweiten Nacht realisiere ich, warum die Geräusche so nahe erscheinen: Für eine bessere Belüftung des Zeltes, haben die großen Fenster kein Glas, nur Fliegengitter. Die Geräusche dringen direkt ans Ohr, lassen einen unerfahrenen Städter rätseln und um den Schlaf bringen. Im Busch ist es so: Nachts hören, tagsüber sehen, mit allen Sinnen. Dafür ist man mittendrin in der Wildnis, wie sie einzigartig in Botswana zu erleben ist, zu erreichen nur mit dem Buschflieger.

Unsere kleine Gruppe kommt von Maun angereist, der Safarihauptstadt Botswanas. Nach einer guten Stunde Flug setzt der Flieger auf der Sandpiste auf, es ruckelt, die Propeller heulen auf. „Dumela! Willkommen!“ Richard, unser Guide für die nächsten Tage, begrüßt uns, drückt jedem eine Aluminiumtrinkflasche mit dem eigenen Namen in die Hand: „Die bekommt ihr immer wieder aufgefüllt, so vermeiden wir große Mengen von Plastikmüll. Ihr könnt sie nach der Reise mitnehmen.“ Zwei Fliegen mit einer Klappe: Umweltschutz und Souvenir.


Unsere Lodge ist nur gute zehn Minuten mit dem Jeep von der Piste entfernt. Schon nach wenigen Metern steht da am Wegesrand ein Elefant, einfach so, unsere Kameras klicken wie verrückt. Wir ahnen nicht, dass wir in den nächsten Tagen noch sehr viele von ihnen sehen werden. Nirgendwo in Afrika gibt es mehr Elefanten als in Botswana, über 130.000, mehr als ein Drittel des ganzen Kontinents. Manche sagen: Elefanten sind hier bereits eine Plage. Wir fragen uns: Kann man von diesen faszinierenden Tiere zu viele sehen?

Sam, der 26-jährige Generalmanager der luxuriösen Jao-Lodge, zeigt uns die Zelte. Es sind keine Zelte, sondern schicke Appartements aus Holz und eleganten Stoffen. Auf der Terrasse mit Badewanne, Hängematte und Blick auf die weite Landschaft, erwartet man gleich Robert Redford um die Ecke kommen: „Wanna Gin Tonic?“ Sam zeigt auf drei Dosen neben dem Bett: Moskitosprays, eine für die Haut, eine für den Raum. Und die Notfall-Tröte. Sam warnt: „Wenn ihr damit trötet, wacht das ganz Camp auf. Also bitte nur für den Notfall.“ Er macht eine kurze Kunstpause: „Spinnen sind keine Notfälle.“

Sämtliche Zelte, sie heißen nun mal so, sind auf hohen Stelzen gebaut. Die meisten Touristen denken, das sei wegen der wilden Tiere, sagt Richard. Er klärt auf: „Nein, seid euch sicher: Löwen und Leoparden kommen überall hoch.“ Wir sind uns nicht sicher, ob uns das beruhigen soll. Aber wir erfahren, dass die gesamte Lodge, das wie ein riesiges Baumhaus wirkt, aufgrund der strengen Naturschutz-Auflagen so gebaut wurde: Das schont den Boden, sollte die Lodge mal irgendwann aufgegeben werden, wird nach einem Abbau in wenigen Monaten die Natur wieder übernehmen können. Spurlos.


Don’t run away!


Aber natürlich hat Bauen auf Stelzen auch etwas mit der lauernden Gefahr zu tun. Sam warnt eindringlich: „Nach Einbruch der Dunkelheit keine Alleingänge mehr!“ Nachts ziehen Tiere durch die Savanne, auch durch das Camp. Das sind nicht nur putzige Buschhörnchen oder freche Paviane, die über die Dächer hüpfen. Es können auch Büffel, Löwen oder Leoparden sein. Ihnen sollte man nachts besser nicht alleine begegnen, der naive Städter wird in einer solchen Situation sich eher nicht an die Devise der Wildnis erinnern: „Don’t run away!“ Was rennt, ist potenzielle Beute.

Richard macht mit uns den ersten Game Drive, eine Pirschfahrt. Vor vielen Jahren hat er in Düsseldorf Deutsch gelernt, sogar die exotischsten Tiernamen, von denen die meisten von uns noch nie gehört haben, kommen ihm locker von der Zunge: Schleierantilope, Gabelracke, Schreihalsadler, so was. Seit 2003 arbeitet Richard als Guide und Tracker. Immer wieder fährt er leicht abseits der Piste, um vom Auto aus Spuren zu lesen. Er steigt aus, schaut genauer hin: „Ganz klar. Hier ist vor kurzem eine Leopardendame entlanggelaufen.“


Eine Elefantenmama und ihr Kleines stampfen unweit unseres Jeeps durch die Büsche, als Richard plötzlich innehält. Er flüstert: „Da! Hört ihr?“ Wir hören hin, aber hören: nichts. „Doch, eindeutig, dieses Fiepen, da sind Impalas in Aufruhr.“ Richard zeigt in eine Richtung, wir hören noch immer nichts, und ob da etwas zu sehen ist, wir sind uns nicht sicher. Richard fährt in die Richtung und dann, tatsächlich: Eine Herde Impalas, eine Antilopenart, von uns völlig unbeeindruckt, weil sie wie gebannt alle in eine Richtung schauen, aus der Gefahr zu drohen scheint. „Hier muss in der Nähe ein Löwe oder ein Leopard sein“, ist sich Richard sicher. Doch was immer da lauert, es bleibt verborgen.


Erfüllt über diese ersten Erlebnisse sitzen wir abends auf der Terrasse des Camps, genießen einen perfekt gekühlten Chardonnay aus Südafrika, beobachten die Glühwürmchen, lauschen den Glockenfröschen, die auf Seerosen sitzen und deren Laute sich wie ein metallisches Glockengeläut anhört. „Pula!“ rufen wir. So heißt die hiesige Währung. Und es bedeutet Regen. Aber vor allem bedeutet es: Prost!


Botswaaaaa-na!


Botswana, das eingerahmt wird von Namibia, Südafrika, Sambia und Zimbabwe, ist etwas größer als Frankreich – bei gerade mal knapp über zwei Millionen Einwohnern. So wenig Menschen das Land hat, so viel mehr Tiere gibt es. In kaum einem anderen Land Afrikas gibt es eine so artenreiche Tier- und Pflanzenwelt, die in einer traumhaften Landschaft liegt aus karger, wüstenhafter Savanne der Kalahari und dem wasserreichen #Okavango-Delta, dem größten Binnendelta der Erde, seit 2004 UNESCO-Weltnaturerbe.


Ein Helikopterflug über das Delta offenbart seine ganze Schönheit und Farbenpracht: Klares Wasser, idyllische Lagunen und Sümpfe, durch die Elefanten oder Flusspferde waten, dazwischen kleine Palmeninseln, auf denen Antilopen und Zebras grasen. Aufgeschreckt durch den tieffliegenden Helikopter springen sie durch das Wasser. Juwel der Kalahari nennen die Botswana das Delta.


Der Tagesablauf folgt einem festen Rhythmus: Wecken um 5:30 Uhr, kurzes Frühstück, spätestens um 6:30 Uhr geht es auf den ersten Game Drive. Das Licht ist dann perfekt, die Tiere sind aktiv, weil es noch nicht so heiß ist. Es ist sogar noch so kühl, dass ich die Jacke etwas weiter zuknöpfe. Doch legt die Sonne ihre warmen Strahlen über die morgendliche Landschaft, fängt auch die Luft bald an zu flimmern.


Mittags wird im Camp geruht, auch die Tiere scheinen in eine Siesta zu fallen, am Nachmittag geht es erneut auf die Pirsch. Ein Vogel ruft, und Richard übersetzt: „Botswaaaaaa-na. Botswaaaaa-na.“ Und tatsächlich, wenn man genau hinhört, meint man, den Landesnamen zu hören. Derweil zupfen Giraffen an den Blättern der Dornakazie; malen sie mit ihren Kiefern und gucken gelangweilt in die Kamera, ist die entfernte Verwandtschaft zum Kamel unverkennbar.


In Botswana gibt es keine eingezäunten Game Reserves wie in Südafrika, das macht eine Safari hier so außergewöhnlich. Die Tiere ziehen durch die Wildnis, wie sie es gewohnt sind und nicht, wie es ihnen Zäune erlauben. Das bedeutet aber auch: Die Tiere müssen gefunden werden. Dafür braucht es die 20-jährige Erfahrung eines Richards. Die Chance jedoch, auf die Big Five zu treffen, also auf Elefant, Löwe, Leopard, Büffel und Nashorn, sind in keinem anderen afrikanischen Land größer.

Umso mehr werden solche Begegnungen zu magischen Momenten, vor allem dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Unter einem riesigen Baum steht ein Impala. Eine knappe Stunde später kommen wir an dieser Stelle wieder vorbei. Jetzt weidet dort ein Elefant. Auf dem Baum sitzt – von uns zunächst völlig unbemerkt – eine Leopardendame, nur gute drei Meter entfernt. Das Impala ist verschwunden. Der Bauch des Leoparden dagegen dicklich. Dennoch können wir uns kaum sattsehen an der Eleganz und der Schönheit der Leopardendame, die nur Augen für den Elefanten hat, der ihr gefährlich werden könnte.



Es ist dunkel, als wir den täglichen Sundowner beendet haben und uns auf den Rückweg machen. Richard stoppt plötzlich den Wagen, macht schnell und intuitiv den Motor und das Licht aus. Noch ehe wir fragen können, warum, sehen wir ihn: Einen riesigen Elefanten, kaum zwei Meter neben dem Jeep. Er starrt uns an, sichtlich erschrocken, wir starren nicht weniger erschrocken zurück. Der Elefant fächert seine Ohren auf, eine Drohgebärde. Kein Mucks ist zu hören. Wir warten. Dann läuft der Elefant langsam um uns herum, verschwindet schließlich in der Dunkelheit. Der Adrenalinspiegel sinkt nur langsam.


Richard schmunzelt: „Ich weiß, ihr dachtet, wegfahren wäre besser gewesen.“ Er hat recht, das dachten wir. „Aber ihr erinnert euch? Don’t run away… daher habe ich Motor und Licht ausgemacht, um ihn nicht zu erschrecken.“ Gut, dass keiner von uns am Steuer saß.

Fotos schießen, nicht die Tiere


Botswana gilt fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit aufgrund seines Diamantenreichtums als wirtschaftlich stark und politisch stabil mit wenig Korruption, keine Selbstverständlichkeit in Afrika. Der Tourismus wird kontinuierlich, aber bedacht ausgebaut, stets mit Blick auf die kulturelle Tradition der ethnischen Vielfalt. In Botswana hat man vor allem verstanden, dass es langfristig besser ist, Fotos statt Tiere zu schießen. Seit 2014 gilt ein allgemeines Verbot für Trophäenjagd, einzigartig in Afrika. Das Land setzt auf einen exklusiven Individualtourismus, der in jeglicher Hinsicht seinen Preis wert ist. Massentourismus wie in Südafrika gibt es in Botswana nicht. Tagelang sind wir mit dem Jeep unterwegs und treffen fast ausschließlich auf Tiere.


Doch nicht nur mit dem Jeep, auch mit einem Motorboot auf dem Okavango-Fluss sind Game Drives möglich. Wir tuckern langsam vor uns hin, sehen am Ufer zwei Elefanten, Richard steuert langsam auf sie zu. Es ist später Nachmittag, warmes Licht legt sich auf die Szenerie. Für einen Moment denke ich: Wieder Elefanten. Wie sollte ich mich täuschen. Denn als wir in der Nähe des Ufers stehen, den Motor ausmachen, hören wir ein kräftiges Rascheln. Aus dem Dickicht kommt plötzlich eine große Herde von vielleicht zwanzig Elefanten hervor, sie nähern sich langsam dem Ufer, sie wollen trinken. Wir machen Fotos, nehmen die Kameras herunter, sagen kein Wort mehr. Es ist wie ein Abend zuvor, nur noch magischer, weil es so viele sind: Sie starren uns an, wir sie. Gänsehautgefühl, wie so häufig auf dieser Reise.


Am nächsten Tag geht es mit dem Buschflieger weiter in Richtung Nordosten an den Rand des Cherpo-Nationalparks, einem der drei Nationalparks Botswanas, am Linyanti River direkt an der Grenze zu Namibia gelegen. Schon bei der Landung sehen wir die Veränderung der Landschaft: Beim Jao-Camp war es eine offene, weite Savannenlandschaft, jetzt geht es mit dem Jeep fast eine Stunde durch waldartige Gebiete, bis unser neues Camp „King’s Pool“ in Sichtweite kommt. Hier verbrachte einst König Gustav von Schweden mit seiner Silvia die Flitterwochen, daher der Name. Neun luxuriöse Zelte mit Privatpool warten hier auf Gäste. Gleich zu Beginn eine kleine Überraschung: Kein Handyempfang. WLAN? Nein. Herrlich.


Bei Wilderness, die auch in Südafrika, Namibia, Simbabwe und Sambia unterschiedliche Camps unterhalten, in Botswana aber mit 20 Camps am stärksten vertreten sind, spielt Nachhaltigkeit eine große Rolle. In Botswana werden dafür verschiedene Öko-Labels verliehen. Wer, wie King’s Pool, das „Eco“-Label verliehen bekommt, ist vorbildlich. Tschepo, der 32-jährige General Manager, der seit 2006 hier arbeitet, zeigt uns, was das zum Teil bedeutet: Die Energie wird inzwischen zu hundert Prozent über Solarenergie gewonnen. „Natürlich ist das vor allem gut für die Umwelt“, erklärt der GM, „aber es spart auch Kosten, nach fünf Jahren hatte sich die Anlage amortisiert.“ Der getrennte Müll wird nach Maun gebracht, ein Teil kompostiert, das Abwasser teilweise für die Toiletten verwendet.


Zum nachhaltigen Konzept gehört auch, dass vor allem die Bevölkerung aus der Region in den Lodges arbeitet. So wie auch Mama Bee, die auf der Lodge „Doma Tao“ das Sagen hat und uns bei einer Kaffeepause das Camp zeigt. Mama Bee hat als Kellnerin begonnen, ist nun im Wechsel GM von drei Camps. „Ich bin bei Wilderness aufgewachsen, hier bleibe ich“, erzählt die frisch geschiedene 50-jährige und Mutter von vier Kindern. Außerdem erzählt sie, wie sie vor ein paar Tagen beobachten musste, wie im Fluss direkt vor dem Camp ein Elefantenbaby von einem Krokodil gerissen wurde. „Ja, das ist traurig. Aber da können wir leider nichts machen. Das ist Natur.“


Auch Tschepo erzählt von den Wildhunden, die ein Impala gejagt und es dabei durch das Camp getrieben haben. Das Impala floh ins Wasser, schwamm davon. Die Wildhunde guckten in die Röhre, im Wasser können sie nicht jagen. Dann kam ein Krokodil. „Das ist kein schöner Anblick. Aber wir sind hier ja nicht in einem Zoo. Das passiert.“


Tschepo arbeitet, wie die meisten auf dem Camp, in einem festen Rhythmus: Drei Monate arbeiten, einen Monat Urlaub. Das ist nicht wirklich familienfreundlich, aber Tschepo ist dennoch sehr zufrieden. „Irgendwann möchte ich mal nach Deutschland, um mit einem Mercedes Benz über die Autobahn zu fahren. Und dann zum Oktoberfest!“, erzählt er mit strahlenden Augen. „Wo muss ich dazu noch mal hinfliegen, nach Berlin?“


Als wir abends wieder einen perfekt gekühlten Sauvignon-Blanc aus Südafrika genießen, dabei auf den Lounge-Sessel fläzen, uns auf die hervorragende Crossover Küche freuen, die Blicke über das Wasser streifen lassen, an dessen Ufern wir im Dunkeln nicht nur die Hippos hören, sondern im weichen Mondlicht auch ihre Konturen erkennen können, denken wir an alles, nur nicht an Autobahn oder Oktoberfest.


Und die vielen unbekannten Geräusche der ersten Nacht wirken nach einer Woche schon fast vertraut. Sogar ein bisschen beruhigend. © Text & Fotos Lutz Jäkel, 2017. Erschienen als Reisereportage in den Magazinen von MADAME und AIRTOURS

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