• Markus Mauthe

Nepal - Kanchenjunga Expedition I

Reportage


Unterwegs zum Basislager des dritthöchsten Berges der Welt, dem 8586 Meter hohen Kanchenjunga im Himalaya


Während die Corona-Pandemie die Welt im Jahr 2020 fest in ihrem Würgegriff hält, hat eine Meldung aus dem Himalaya mein Interesse geweckt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kann man von Nepals Hauptstadt Kathmandu aus die Umrisse des Mount Everest am Horizont erkennen. Werden also die Menschen für die Zeit nach Covid-19 die richtigen Schlüsse daraus ziehen? Dieses Zeichen der Hoffnung hat mich veranlasst, ein Erlebnis aus dem Jahr 2013 in einer Reportage zu erzählen, das nichts an Aktualität verloren hat.


Teil 1: Vorlauf


Als Vortragsreferent für die Umweltschutzorganisation Greenpeace versuche ich mit meinen Bildern und Geschichten die Schönheit unseres Planeten zu zeigen und Zusammenhänge verständlich zu machen. Für das Projekt Naturwunder Erde habe ich alle relevanten Ökosysteme unserer Welt bereist. Hier möchte ich von meinen Erfahrungen im Lebensraum Gebirge berichten.



Es war damals klar, dass mich auf dieser Trekkingtour meine damalige Lebensgefährtin und heute Frau Juliana begleiten wird. Wir hatten uns vor einem Jahr in Brasilien kennengelernt, als ich in ihrer Heimat die dortigen #Regenwälder fotografierte. Seitdem bereichert sie mit ihrer Liebenswürdigkeit jeden Tag meines Lebens. Mit uns wanderte mein guter Freund Rolf, der bei „Naturwunder Erde“ schon in der Savanne Afrikas und im gemäßigten Regenwald Tasmaniens mit Rat und Tat an meiner Seite stand. Er als passionierter Reisender, dem kaum eine Ecke unserer schönen Welt unbekannt ist, kam auf die Idee, den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ im nepalesischen Teil des Himalaya zu laufen. Als er mir erzählte, dass diese 26-tägige Wanderung bis zum Basislager des dritthöchsten Berges der Welt führen würde, vorbei an blühenden Rhododendron-Wäldern, entlang an von Gletschern gespeisten Flüssen, auf autofreien Fußpfaden, durch kleine Dorfgemeinschaften, die bis heute ihre traditionelle Kultur erhalten haben, war die Sache schnell entschieden.


Das #Ökosystem Gebirge besteht im Grunde aus einem Haufen riesiger Gesteinsbrocken, die an sich wenig zur Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten beisteuern. Doch sie stehen in enger Symbiose mit Lebensräumen, die für das Funktionieren des großen Organismus Erde entscheidend sind. Grasland, Gletscher, Flüsse und Wälder, all das findet sich in den Höhenlagen der Kontinente. Ein wunderbares Thema also, um zu zeigen, wie die Naturformen miteinander verbunden sind.


Da Rolf schon einmal in Nepal war, einen Veranstalter, einen Guide und die bei solch einer großen Tour notwendigen Träger kannte, hat er praktisch alles im Alleingang vorbereitet. Juliana und ich mussten lediglich für die richtige Ausrüstung sorgen, die uns sicher in die Berge und wieder aus ihnen hinaus helfen würde. Was man wissen muss: Meine Liebste hat als Bewohnerin des tropischen Regenwaldes in Brasilien praktisch ihr ganzes Leben mehr oder weniger auf Meereshöhe verbracht und kannte Temperaturen unter Null Grad nur vom Hörensagen.


Erschwerend kam hinzu, dass Juliana vor einigen Jahren einen schlimmen Autounfall hatte, der ihre Lebensuhr praktisch auf Null zurückgestellt hatte. Zweiundvierzig Knochenbrüche und viele andere unschöne Dinge zwangen sie, mit ihrem Körper wieder von vorne zu beginnen. Bis heute ist Juliana gezwungen, bei vielen Tätigkeiten mehr Zeit zu investieren, weil sie langsamer ist als ein Mensch ohne körperliche Beschränkungen. Ich habe daher ihren Mut von Anfang an bewundert. Glaubhaft versicherte sie mir, diese im „Lonely Planet“ Nepal-Reiseführer als hart beschriebene Tour mit mir bewältigen zu wollen. Doch niemand aus unserem Umfeld hatte ihr zugetraut, all die Strapazen zu bewältigen, die nun vor Ihr lagen.

Schon für eine ganz normale Beziehung ist solch eine intensive Trekkingtour eine immense Herausforderung. Nun kannten wir uns erst ein Jahr, stammen aus verschiedenen Kulturen, sprechen miteinander in einer Sprache, die nicht unsere eigene ist (Englisch) und hatten es bei ihr mit einem absoluten Greenhorn zu tun (ich lese gerade mal wieder Karl May). Das ist wohl der ultimative Beziehungstest, und wir waren uns auch beide voll bewusst, dass es gut möglich ist, das Basislager in 5300 Metern Höhe, aus welchen Gründen auch immer, nicht zu erreichen. Trotzdem sind wir voller Vorfreude, als wir uns mit gepackten Rucksäcken auf den Weg in dieses Abenteuer machen.


Die Reise beginnt für mich mit einem Dämpfer. Welche Bilder ich auch immer von Nepals Hauptstadt #Kathmandu vor meiner Ankunft im Kopf hatte – real waren sie nicht. Nimmt man die schöngefärbte Touristenbrille ab und wirft einen Blick auf das ganz normale Alltagsleben der allermeisten Einwohner, so bleibt nicht mehr viel übrig vom Charme der Tempel, Stupas und exotischen Märkte, die diese Kultur auf uns so anziehend macht. Kathmandu liegt auf 1300 Metern Höhe in einem Hochtal zusammen mit den zwei weiteren Königsstädten Lalitpur und Bhaktapur und zahlreichen weiteren Gemeinden. Mein Eindruck ist, dass hier die Entwicklung längst in eine Richtung geht, aus der es kaum noch ein Zurück gibt. Einen wirklich blauen Himmel habe ich nicht gesehen. Dutzende Ziegeleien blasen täglich ungefiltert ihre Abgase in die Landschaft, deren Konturen wegen der schlechten Luft schon nach wenigen hundert Metern im fahlen Dunst verschwinden.



Die umliegenden Berge konnte ich nur erahnen. Es braucht keine monatelange Recherche, um zu erkennen, dass hier alles aus den Nähten platzt. Die Lebensbedingungen der meisten ohnehin schon armen Menschen sind auch aus ökologischer Sicht katastrophal. Nicht ohne Grund sehe ich viele Leute mit Staubfiltern vor dem Gesicht herumlaufen. Sämtliche Flüsse und Flüsschen, die ich auf unseren Touren durch die Stadt gesehen habe, gleichen mit Müll überhäuften Kloaken. Eine Infrastruktur ist praktisch nicht vorhanden. Die Straßen sind voll, und der Lärm ist unbeschreiblich.


Das Hauptwerkzeug der Nepali, um sich durch den Verkehr zu manövrieren, scheint die Hupe zu sein. Kathmandu wächst planlos, und die Probleme verschärfen sich. Täglich verlassen Menschen im ländlichen Raum ihre Höfe mit der Hoffnung, im Herzen in der großen Stadt ihr Glück, also ein besseres und einfacheres Leben zu finden. Auch wenn mein Blick auf die Situation nur ein oberflächlicher ist, so glaube ich sagen zu können, dass dies nur den Allerwenigsten vergönnt sein wird.


Die Glitzerwelt der schnellen Autos, teuren Häuser und schicken Alkoholika, die auf den großen Werbeplakaten und auch in den im ländlichen Raum inzwischen zahlreich vorhandenen Fernsehgeräten suggeriert wird, ist für allergrößten Teil der Bevölkerung so weit außer Reichweite wie für mich die Nominierung zum Papst. Mein persönliches Ideal einer funktionierenden Gesellschaft ist hier nur eine ferne Utopie.


Dabei ist Nepal immer noch eines der Länder mit der geringsten Verstädterung weltweit. Das muss auch der Ansatz für die Zukunft sein. Weg mit den falschen Versprechungen einer in diesem Land völlig deplatzierten „Moderne“ nach westlichem Schema. Man muss sich auf die eigene Geschichte und Stärken berufen und eine Modernisierung schaffen, die den geografischen und kulturellen Gegebenheiten dieses Landes gerecht werden. Wir sollten in den kommenden Wochen auf unserer Wanderung Beispiele sehen, wie man schon mit wenigen Eingriffen den Alltag der Menschen deutlich erleichtern kann. Haben die Leute erst mal verstanden, dass ihre ländliche Realität, nämlich klare Luft und sauberes Wasser, derer der Slums in den Städten klar überlegen ist, ließe sich diese dramatische Entwicklung vielleicht stoppen. Der Ballungsraum um Kathmandu ist für mich schon heute ein allzu trauriges Beispiel, wie in Zeiten der Globalisierung der Fortschritt nicht funktioniert.



Die Bushaltestelle liegt an der Ausfallstraße von Kathmandu. Hier treffen Rolf, Juliana und ich zum ersten Mal auf unsere Helfer, die uns in den kommenden Wochen begleiten werden. Es sind insgesamt neun Nepali. Einer ist unser Guide, der Chef der Truppe. Sein älterer Bruder ist der Koch. Die anderen sieben, zumeist recht junge Kerle, werden unsere Ausrüstung, die Küche und die Nahrungsmittel tragen. Später erfahre ich, dass sie alle aus demselben Dorf stammen und irgendwie auch alle miteinander verwandt sind. Diese Tatsache hat sicherlich auch zu der Harmonie beigetragen, die in den kommenden Tagen zwischen ihnen herrschen wird.


Die vor uns liegende Busfahrt erfüllt alle Vorurteile, die man über Touren durch Nepal haben kann: Mit der Hin- und Rückfahrt sind wir fast drei Tage in einem Gefährt gesessen, das in Deutschland nicht einmal mehr in Sichtweite des TÜV gekommen wäre. Ich bin davon überzeugt, dass diese Fahrten die gefährlichsten Stunden des gesamten Aufenthaltes im Land gewesen sind. Kein Schneesturm kann so tückisch sein wie die Situationen, die sich praktisch im Minutentakt auf den kurvenreichen, meist am Abgrund entlangführenden Straßen ereignen. Jeder überholt hier jeden, zu jeder Zeit, ganz gleich ob die blinde Kurve genau vor einem liegt. Einige Lastwagen liegen im Abgrund, sie sind über die Klippe gestürzt. Dass wir ohne Karambolage davon gekommen sind, gleicht einem Wunder.


Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber gut habe ich mich während der Zeit in den Bussen nicht gefühlt. Auf einem Teilstück war der Bus so überfüllt, dass ich mich freiwillig mit ein paar unserer Jungs aufs Dach gesetzt habe. Wer mitfahren möchte und es irgendwie schafft, sich in das Fahrzeug reinzupressen, wird auch mitgenommen. Das ist natürlich verständlich. Die Busse dominieren neben den Lastwagen den Straßenverkehr. Bisher gibt es wenig Nepali, die ein Auto ihr eigen nennen. Warum die Busfahrer sich aber benehmen, als wären sie und ihre Passagiere unsterblich, hat sich mir nicht erschlossen.


Wir erreichen das Ende der Straße und somit den Ausgangspunkt unserer Wanderung. Am kommenden Tag, gegen Mittag, wollen wir starten. Kaum haben wir unsere Ausrüstung vom Dach geladen, fängt es an, in Strömen zu regnen. Aus diesem Grund verlegen wir den geplanten Beginn der Tour auf den kommenden Morgen. So lernen wir recht schnell nepalesischen Landhausstil kennen. Wir nehmen uns ein Zimmer in einem der Gästehäuser, von denen es viele gibt im kleinen Örtchen. Wer solch eine Reise mit Freude begehen möchte, sollte zuerst einmal schleunigst alle aus dem eigenen Kulturkreis bekannten Hygiene- und Komfortstandards vergessen. Nepal ist eines der ärmsten Länder der Erde, und das Leben der Menschen ist dementsprechend rustikal. Oft bestehen die Zimmerwände aus Bretterverschlägen, auf denen Zeitungspapier klebt. Die Betten sind meist so hart, dass wir unsere Isomatten unterlegen, so ist es etwas komfortabler und in der Regel auch sauberer. Unsere nepalesischen Freunde haben nicht einmal ein eigenes Zimmer. In der Regel steht in jedem Gästehaus für einheimische Trekkingbegleiter eine Kochhütte zur Verfügung, in der sich die Jungs dann auch auf ihren Isomatten in Reih und Glied zur Ruhe betten.


Auf altem Handelspfad in die Höhe Wir befinden uns auf einer Höhe von knapp unter zweitausend Metern. Nach einem einfachen Frühstück, nicht allzu lange nach dem ersten Hahnenschrei, machen wir uns auf die Socken. Ich habe meine Fotoausrüstung auf dem Rücken und mir fest vorgenommen, diese auch soweit es mir möglich ist ohne fremde Hilfe durch das Gebirge zu bringen. Der Regen hat deutlich nachgelassen. Es nieselt leicht, als wir auf einem Jahrhunderte alten Handelspfad langsam weiter an Höhe gewinnen.


Die kommenden vier Tage sind eine Art Vorlauf. Sie werden uns auf einer Länge von knapp fünfzig Kilometern über einen Bergrücken hin zum eigentlichen Start des Kanchenjunga-Basislager-Wegs bringen. Wir haben uns bewusst für diese längere Variante entschieden. Dadurch umgeht man, mit einem Charterflugzeug einzufliegen und kann die Tour an einer anderen Stelle beenden, als man sie startet. Außerdem ist die Gegend mit Rhododendron Bäumen bewachsen, die schon lange ein fotografisches Traumziel von mir sind. Wir haben nicht ohne Grund das Frühjahr dem ebenfalls schönen Herbst als Wanderzeit vorgezogen. Just in diesen Wochen sollen die Rhododendron Bäume in voller Blüte stehen. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet.



Wir passieren vereinzelte Gehöfte mit terrassenförmigen Feldern und Weiden, auf die immer wieder bewaldete Regionen folgen. Was mir als alter Naturfreund, der sich am liebsten in möglichst unberührten Gebieten aufhält, als nächstes deutlich wurde, war die Tatsache, dass wir auf einem Großteil dieser Wanderung durch Kulturland laufen werden. Der #Himalaya ist ein seit Jahrtausenden besiedelter Lebensraum und keineswegs eine große Wildnis wie zum Beispiel weite Teile des Amazonas. So richtig bewusst war mir das am Anfang nicht. So war ich in den ersten Tagen immer wieder etwas enttäuscht, als nach der nächsten Biegung wieder Menschen aus dem Wald heraustraten, die einen großen Korb Feuerholz auf dem Rücken trugen. Hier echte großflächige Urwälder zu erwarten, wäre so, wie an den heimischen Bodensee zu reisen, um dort Menschen zu erhoffen, die noch in Pfahlbauten leben.


Es dauert allerdings nicht lange, da tauchen die ersten pink und tiefrot blühenden Rhododendren am Wegesrand auf. Als wir später weiter oben am Bergkamm entlang marschieren, ziehen immer wieder dichte Nebelwolken von Tal herauf, die die Bäume in die von mir so sehr geliebte mystische Stimmung tauchen. Leider sind die Wälder durch den Bedarf der Menschen nach Brennholz stark abgeholzt, so dass ich mich zumeist auf Detailaufnahmen beschränken muss. Gegen Mittag halten wir in einer kleinen Ortschaft auf Tee und Kekse. Ich verzichte auf die Pause, als ich in einiger Entfernung auf einer Wiese einen einzelnen richtig großen Baum entdecke. Dieser ist über und über mit Rhododendronblüten bedeckt.


Hier bekomme ich zum ersten Mal einen wirklichen Eindruck, wie grandios diese Bäume aussehen können, wenn man sie ungehindert wachsen lässt. Trotz immer wieder einsetzenden Regens versuche ich mit Begeisterung, möglichst schöne Fotos von ihm zu machen. Bevor die ersten Siedler diese Höhenlagen für Weideflächen gerodet haben, sah es hier im Frühling sicherlich fantastisch aus.


Juliana und ich sind zum ersten Mal in unserem Leben in diesem Teil der Welt. Es gibt so viel für uns zu entdecken. In fast jedem Dorf sehen wir ein Schild, das die Bewohner ermahnt, mit ihren sie umgebenden Bäumen sorgsam umzugehen. Die Menschen begegnen uns in der Regel höflich zurückhaltend, aber immer freundlich. Ich habe mir in den Regenpausen mein 200-400 Millimeter Objektiv und die Nikon D4 um die Schulter gelegt. Bei den zahlreichen Begegnungen bietet sich immer wieder Gelegenheit, schöne Portraits zu fotografieren. Die lange Brennweite hält eine gewisse Distanz zu den Leuten, was ihnen die Scheu nimmt, es wirkt nicht so aufdringlich.


Ich kann mit meiner langen Linse natürlich nicht unbemerkt durchs Dorf stapfen und frage deshalb stets, ob ich ein Foto machen darf, wenn ich eine fotogene Person entdecke. Auf dem ganzen Weg kam kaum einmal eine Absage. Wenn man dann nach dem Auslösen lachend zu den Portraitierten hingeht und ihnen ihr Bild auf dem Kamerabildschirm zeigt, ist die Freude meist groß. Oft bildet sich recht schnell eine ganze Menschentraube, alle wollen einen Blick erhaschen. Ich kann mich gar nicht erinnern, bei welcher Fotoreise ich das letzte Mal so viele schöne Bilder von Personen gemacht habe wie in diesem Teil des Himalaya. Die Nepalesen sind auch wirklich spannend anzusehen. Besonders reizvoll finde ich immer wieder die alten Menschen, deren ganzes Leben sich in den tiefen Falten ihres Gesichtes zu spiegeln scheint.



Die erste Etappe unserer großen Wanderung vergeht wie im Flug. Ich bin begeistert, wie gut Juliana bisher mithalten kann. Trotz ihrer Behinderung am linken Bein hat sie keine Mühe, die Unebenheiten des Weges zu meistern. Natürlich sind wir nicht die Schnellsten, aber das ist sowieso nicht Sinn der Sache. Wir erreichen unser Gasthaus kurz bevor der große Regen einsetzt. Ich bin mir sicher, dass auch unsere Helfer froh sind, ein Dach über dem Kopf zu haben. Doch gerade bevor wir jenes Dorf erreichen, führt uns der Weg über einen Bergpass, dessen steile Hänge mit recht naturnahem Wald bewachsen sind. Wegen des schlechten Wetters befinden sie sich in tiefen Nebel gehüllt, was mich veranlasst, trotz Müdigkeit noch einmal die Kamera zu schnappen und loszuziehen. Ich bin wohl der einzige in unserer Gruppe, der dem Wetter etwas Positives abgewinnen kann.


Durch die Regenfront ist die an dieser Stelle eigentlich in der Ferne sichtbare Himalaya Bergkette natürlich völlig unsichtbar. Wenn ich in den vergangenen Jahren in meinem Beruf etwas gelernt habe, dann dass man eine Chance nutzen muss, wenn sich ein Motiv vor einem auftut. Seit langer Zeit habe ich von solch einer Situation geträumt, und nun habe ich sie direkt vor mir. Es ist fast dunkel, als ich völlig durchnässt in die Herberge komme, doch der Ausflug hat sich gelohnt. Das eine oder andere schöne Foto ist mir gelungen. Es sollte für die ganze Wanderung die einzige Begegnung mit Rhododendren im Nebel gewesen sein.



Der Rhythmus mit dem am Nachmittag einsetzenden Regen bleibt uns noch für ein paar weitere Tage erhalten. Die Etappen sind zwischen zwölf und sechzehn Kilometer lang und bringen uns bis auf knapp dreitausend Metern Höhe. In manchen Dörfern sehen wir auf jedem Haus bunte Gebetsfahnen im Wind wehen. Ein Zeichen, dass es sich um eine Ansiedlung von Exiltibetern handelt, die vor den chinesischen Invasoren geflüchtet sind.


Am Morgen des dritten Tages, noch vor Sonnenaufgang, ist es dann soweit. Die dicke Wolkendecke am Horizont ist einen Spalt aufgebrochen, zum ersten Mal kann ich den Himalaya Gebirgszug erkennen. Das über achttausend Meter hohe #Kanchenjunga Massiv, das wir ansteuern, ist zwar noch viele Kilometer entfernt, doch es ragt massiv und mächtig vor uns in die Höhe. Da wir uns ebenfalls auf fast dreitausend Metern Höhe befinden, haben wir einen interessanten Blickwinkel auf die Berge. Die dem Riesen vorgelagerten, eigentlich auch sehr imposanten Sechs- und Siebentausender wirken vor der Kulisse des Kanchenjunga richtig niedlich. Andächtig stehen Juliana, Rolf und ich auf der Anhöhe und beobachten, wie die Sonne ihre ersten Strahlen zwischen die Gipfel schickt. Nur wenige Minuten später sind Licht und Berge wieder zwischen dichten Wolken verschwunden.



Von nun an geht es auf anderthalb Tagesetappen über zweitausend Meter bergab. Ziel ist der Handelsposten Dobhan, der auf sechshundert Höhenmeter liegt, es bringt uns hinein in die tropische Klimazone. Es wird zusehends wärmer. Am vierten Tag setzt sich die Sonne kräftig durch, was uns ins Schwitzen bringt. Landschaftlich ist es traumhaft. Die Dörfer sind frei von Abfall und sehr fotogen.


Der lange mühsame Abstieg bleibt nicht ohne Folgen. Zum ersten Mal spürt Juliana ihre Füße. Als wir am Abend des vierten Tages über die große Hängebrücke laufen und in Dobhan ankommen, ist meine Frau wirklich am Ende ihrer Kräfte. Der Abstieg war lang, heiß, unwegsam. Tapfer ist sie klaglos bis zum Ende durchgelaufen. Doch ein Blick in ihr Gesicht verrät, dass sie alle ihre Energie verbraucht hat. Als wir ihre Füße anschauen, sehen wir viele offene Stellen und Blasen. Ich ärgere mich, dass ich nicht kontrolliert habe, ob ihre Schuhe auch richtig gebunden waren. Juliana hat selbst viel zu wenig Erfahrung, und wir können uns in diesem Moment nur vornehmen, es in Zukunft besser zu machen. Alle beglückwünschen sie, bis hierher gekommen zu sein. Das ist eine starke Leistung, auch ich als erfahrener Wanderer spüre jeden Muskel in meinem Körper.


Jetzt sind wir am eigentlichen Startpunkt des Trails angekommen. Von nun an wollen wir einem Fluss das Tal aufwärts folgen, bis er uns im besten Fall an den Fuß des Kanchenjunga Gletschers bringen wird. Ich bin mir sicher, dass sowohl unsere nepalesischen Begleiter als auch mein Freund Rolf zu diesem Zeitpunkt ernste Zweifel haben, dass Juliana die vor ihr liegenden Strapazen meistern kann. Für kurze Zeit steht die Frage im Raum, ob es sinnvoll sei, so wie bisher weiter zu laufen. Sollen wir auf die kritische Situation in irgendeiner Weise reagieren? Wir haben eine anspruchsvolle Reise vor uns. Fehler im Gebirge werden oft nicht verziehen. Jetzt gilt es, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Weiterlesen? Hier geht es zum zweiten Teil

© Text & Fotos Markus Mauthe



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