• Lutz Jäkel

Prechts Medienkompetenz: Entlarvend.

Der Philosoph Richard David Precht und der Soziologe Harald Welzer setzen sich in ihrem Buch "Die vierte Gewalt" kritisch mit der deutschen Medienlandschaft auseinander, beklagen vor allem bei den Leitmedien eine gewisse Tendenz. Dann nennt Precht ausgerechnet Servus TV als Vorbildsender, jenen Sender also, der in letzter Zeit eher durch rechtspopulistische Tendenzen bekannt wurde. Derzeit werden ja wieder die beiden Intellektuellen Richard David Precht und Harald Welzer durch die Feuilletons, Interviews und Talkshows herumgereicht. Ich wollte dazu eigentlich nichts schreiben. Aber ich kann nicht anders, denn... das ist schon ein bisschen irre, was Precht da von sich gibt.

Wir wissen: Der Philosoph Richard David Precht und der Soziologe Harald Welzer haben zusammen ein Buch geschrieben, "Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist", seit ein paar Wochen auf Platz 1 der SPIEGEL Bestsellerliste. Darin setzen sich die beiden Autoren kritisch mit der deutschen Medienlandschaft auseinander, beklagen vor allem bei den Leitmedien eine gewisse Tendenz, eine zu starke Konformität, eine zu geringe Diversität, einen Vertrauensverlust in eben jene Medien. Darüber kann man diskutieren, natürlich.

Dann sitzt Precht in der NDR Talkshow und wird gefragt, ob er Beispiele kenne, bei denen es besser sei mit kritischem Journalismus. Precht sagt dann (ab Minute 10.00) folgendes:

"Talkshows, politische Talkshows - ich rede jetzt nicht über so schöne Talkshows wie wir sie hier haben - politische Talkshows in Österreich, wenn Sie Servus TV gucken, Talk im Hangar, da haben Sie zu solchen Fragen wie Waffenlieferungen komplett ausgewogene, aus allen Seiten beleuchtende, beratschlagende Deutungen. Das könnte ein Vorbild sein."


Ich bin mir bis jetzt nicht sicher, was ich schlimmer finde: Dass Precht Servus TV als Vorbild nennt. Dass er womöglich nicht weiß, wovon er redet. Oder dass in der Talkrunde ihm niemand widerspricht, sondern er sogar Zustimmung bekommt.

Zu Servus TV fasse ich nur die wichtigsten Fakten zusammen:

  • Servus TV ist ein Privatsender, der zur Red Bull Media House GmbH gehört, die wiederum vom reichsten Österreicher, Dietrich Mateschitz gegründet wurde. Mateschitz hatte häufiger wegen rechtspopulistischer Äußerungen gegenüber Geflüchteten, "Eliten" und "Mainstreammedien" von sich Reden gemacht.

  • Intendant des Senders ist Ferdinand Wegscheider, der in seinem wöchentlichen Fernsehkommentar "Der Wegscheider" ebenfalls immer wieder mit rechtspopulistischen Positionen auffällt, die gerne in der rechten Szene verbreitet werden, wovon er sich nicht distanziert. Er trägt den Spitznamen "Wut-Chefredakteur".

  • 2016 wurde in der von Precht gelobten Sendung "Talk im Hangar-7" unter anderem der Chef der rechtsextremen "Identitären Bewegung", Martin Sellner, eingeladen. Thema der Sendung: "Wie gefährlich sind unsere Muslime" [2]

  • 2019 war in der gleichen Talkrunde Götz Kubitschek zu Gast, ein Rechtsextremist, der als intellektueller Kopf der "Neuen Rechten" gilt. Ein Freund von AfD-Rechtsextremist Björn Höcke. [3]

  • Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet Servus TV als "Heimatsender des österreichischen Rechtspopulismus" [4], auch das Online-Magazin Vice trägt Belege zusammen, wie Beiträge und Kommentare von Servus TV gerne in rechten Kreisen, vor allem bei der FPÖ, geteilt und zustimmend aufgenommen werden. [5]

  • Spätestens seit der Corona-Pandemie gilt der Sender zudem als Verbreitungsmedium von Corona-Verharmlosungen, Verschwörungserzählungen und als Quelle von Falschinformationen. Demonstrierende auf Anti-Coronamaßnahmen-Demos nennen Servus TV als eine wichtige Informationsquelle. Corona-Schwurbel-Professor Sucharit Bhakdi war ein häufiger Gast in verschiedenen Talkrunden zum Thema Corona und Panikmache. [6] Nachdem Bhakdi durch widerliche antisemitische Äußerungen Schlagzeilen machte, fiel er auch bei Servus TV in Ungnade und wurde nicht mehr eingeladen. [7]


Und diesen Sender, dieses Talk-Format, bezeichnet Richard David Precht als ein Vorbild für Talkrunden. Das muss man wirklich kurz sacken lassen. Spätestens mit dieser Aussage hat Precht sich als völlig inkompetent in der Beurteilung seriöser Medienformate geoutet. Er hat sich offenbar nicht mal die Zeit genommen, sich über diesen Sender zu informieren, was so einfach gewesen wäre: Schon der Wikipedia-Eintrag liefert genug Hinweise, denen man hätte nachgehen können. Auf diese Idee ist er aber offenbar nicht gekommen. Schreibt aber zusammen mit Harald Welzer ein medienkritisches Buch. Ein ganz schlechter Witz ist das. #medienkritik #medienkompetenz #precht #welzer #populismus #rechtspopulismus


 

Quellen:

[1] https://youtu.be/sDjYt7x9X9g?t=601 (es lohnt sich übrigens, den gesamten Teil des Gesprächs mit Precht zu sehen. Er lässt da noch weitere Hammer raus) [2] https://bit.ly/3s01MEC [3] https://bit.ly/3ELMNWA [4] https://bit.ly/3yMVv3f [5] https://bit.ly/3T6PbM7 [6] https://bit.ly/3MAbs2p [7] https://bit.ly/3CYVACf Weiterführende Links: Auch das Medienportal "ÜBERMEDIEN" hat sich kritisch mit dem Buch von Precht und Welser beschäftigt. Der erstaunlich laxe Umgang von Precht und Welzer mit der Wahrheit | Übermedien (uebermedien.de) Das Buch von Precht und Welzer ist fast so richtig wie die Bahn pünktlich | Übermedien (uebermedien.de)



 

Karikatur: © Guido Kühn