• Jeannette Hagen

Radikale Ehrlichkeit



Irgendwann – und möglicherweise wird das nicht mehr lange dauern – nehmen Maschinen uns komplett das Denken ab. Sie treffen Entscheidungen für uns, entwickeln sich selbstständig weiter, werden unsere Leben lenken. Auf vielen Ebenen geschieht das jetzt schon. Meine Freiheit, von der ich immer dachte, dass ich sie noch besitze, habe ich mit meinem Smartphone und dem Eintritt in die sozialen Netzwerke bereits ein Stück weit abgegeben. Ich wollte das ja lange nicht so sehen, aber die Tatsache, dass nach einem Gespräch mit meiner Tochter über nachhaltige Kaffeebecher wie von Geisterhand die passende Werbung auf meinem Instagram-Account auftauchte, hat mich eines Besseren belehrt und jetzt, da ich darauf achte, sehe ich, wie fortgeschritten das eigentlich schon ist. Ich mit meiner DDR-Erfahrung habe erlebt, wie die Stasi vor der Tür stand und uns ausspionierte und kann darum kaum glauben, dass wir mittlerweile an einem Punkt sind, wo Stasi-Methoden gegen das, was Datenkraken wie Facebook oder Google machen, so niedlich wie Kinderspielzeug wirken. Und vor allem, dass wir das freiwillig mit uns machen lassen. Uns Sprachboxen in die Wohnungen stellen, die offensichtlich Mitschnitte anfertigen. Aber das ist nicht alles Mit einer Mischung aus Grauen und Faszination beobachte ich, was gerade geschieht und wie sehr wir Stück für Stück in die Hände von Konzernen abrutschen. Im Zuge meines Studiums der Politikwissenschaft habe ich die Texte von Marx und anderen kritischen Ökonomen gerade wieder auf dem Tisch und ich glaube mehr und mehr, dass wir sie wieder lesen sollten, um zu begreifen, was hier eigentlich geschieht und vor allem, um nach Wegen zu suchen, dem zu entkommen. Das, was im Kapital steht, ist nicht in Stein gemeißelt, das hat Piketty in „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ dargestellt. Aber auch er zeichnet kein schönes Zukunftsbild. Und irgendwie ahnt es jeder: Geht alles so weiter, dann sind wir nur noch Marionetten für Amazon und Co. Und die interessieren sich nicht für unsere Leben, auch nicht für die Natur, die Erde, den Klimawandel, auch nicht für demokratische Grundrechte. Konzerne interessieren sich für Profit. Und wenn etwas, das sie anbieten, nichts kostet, dann sind wir die Ware, mit der sie Geld verdienen. Der Prozess des Zulassens war schleichend. Und er lief und läuft über Versprechen. Man bringt uns Spaß oder nimmt uns etwas ab, wir erlangen Bedeutung oder verdienen spielend leicht Geld. Das lästige Kartenknicken ist Geschichte, seit uns Navigationssysteme durch die Landschaft lenken. Dass man unsere Wege damit auf Schritt und Tritt verfolgen kann, wischen wir beiseite. Wie unser Essen in die Supermärkte kommt und was alles passiert, bevor der Schinken fein abgepackt im Regal liegt, müssen wir auch nicht mehr sehen. Maschinengesteuertes Tier-Leid wird einfach ausgeblendet, hinter Mauern versteckt. Hauptsache, wir haben es leicht.


Wir machen euch das Leben sicherer, ist auch so ein Versprechen, das gern gegeben wird. Videokameras überall. Menschen, die überwacht werden, glauben daran, dass es Bedrohungen von allen Seiten gibt. Oder das Versprechen, dass Dinge uns zu etwas Besserem machen. Der schicke SUV vor der Tür vermittelt das Gefühl, zu den Oberen zu gehören. Schon allein, weil man auf andere herabschaut und sie notfalls auch mit Wucht von der Straße kippen kann. Wir glauben, wir sind freier, aber in Wahrheit sind wir Sklaven. Wir laufen den falschen Göttern nach Wo läuft das hin? Vor kurzem habe ich einen Artikel über Künstliche Intelligenz in der „Kunst“ gelesen. KI, die Bilder malt, KI, die die Kreativität von Werken einschätzt und dazu Entwickler, die davon schwärmen, dass man irgendwann den Künstler*in nicht mehr braucht. Auf einem Seminar, das ich neulich besucht habe, meinte der Redner, dass wir unsere Göttlichkeit anerkennen sollten. Ein paar Minuten später schwärmte er davon, dass man heutzutage ein Buch in drei Tagen schreiben kann, weil es mittlerweile Agenturen gibt, die das übernehmen. Was daran ist denn bitte göttlich? Geben wir nicht unsere Leben aus der Hand? Lieben wir nicht unser Menschsein und alles, was damit verbunden ist – unsere Fehler, unsere Unterschiede, unser Sein, die Mühen, das Auf und Ab, das ein Leben mit sich bringt? Glatt ist scheinbar besser als Profil. Unisono besser als Vielfalt. Ängste bestimmen zunehmend unsere Leben. Angst vor dem Versagen, Angst vor dem Ausschluss, Angst, nicht gesehen zu werden, die Angst davor, zu sterben, ohne je Bedeutung erlangt zu haben. Aber wer Angst hat, lässt sich leicht manipulieren.

Ich weiß nicht, ob es uns noch gelingt, die Entwicklung aufzuhalten oder umzukehren. Ich habe auch kein Rezept, nur eine Ahnung und die heißt: radikale Ehrlichkeit mit uns selbst. Ohne Wenn und Aber. Wir müssen jene falschen Götter, die Kaiser ohne Kleider endlich auch so benennen und sie nicht noch in den Himmel heben. Wenn man mich fragt, was man denn als Einzelner tun kann, dann ist das zukünftig immer meine Antwort: Bewahre dir deine Ehrlichkeit. Gestehe dir ein, dass du Fehler machst, dass du ein kleines Licht im großen Universum bist, dass es in Ordnung ist, nicht perfekt zu sein, dass wir nicht alle hier sind, um berühmt zu werden, dass das Miteinander zählt, nicht die Konkurrenz, dass nicht der Fitteste gewinnt, sondern der, der sich solidarisch verhält. Die Liste lässt sich fortsetzen.


Fortschritt ist etwas Wunderbares. Und technische Erneuerungen werden uns sicher helfen, Katastrophen zu vermindern. Aber wir sollten wachsam sein und denen einen Riegel vorschieben, die – um es mal in ein Bild zu übersetzen ­– das Messer zum Morden und nicht zum Brot schneiden benutzen.

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