• Lutz Jäkel

Rassismusdebatte ohne POC? Bei Maischberger und Lanz kein Problem.

Kolumne


Am 25. Mai 2020 wird der Afroamerikaner Georg Floyd in Minneapolis (Minnesota) während eines brutalen Polizeieinsatzes getötet, mutmaßlich durch den weißen Polizisten Derek Michael Chauvin, der minutenlang auf Floyds Hals kniete, bis diesererstickte. Es kommt zu Protesten und Unruhen in vielen Städten der USA, die Menschen demonstrieren gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus.


Nachdem in deutschen Talkshows seit Wochen das Thema Corona dominiert, greifen zwei der bekanntesten Formate, Sandra Maischberger und Markus Lanz, diese Proteste auf. Doch was genau passiert in diesen Talkshows? Black Lives matter? People of Color? Menschen mit Migrationsgeschichte? Das wäre eine Idee, wenn man in einer Talkrunde unter anderem über Rassismus sprechen möchte.


Die Gäste bei Sandra Maischberger tragen allerdings diese Vornamen: Heiko, Anja, Dirk, Jan und Helga. Bei Markus Lanz: Elmar, Johannes, Anja, Christian und Markus. Selbstverständlich können auch Schwarze Deutsche oder POC diese Vornamen tragen. In diesem Fall sind sie aber alle Weiß.


Die Frage, die sich stellt: Gibt es niemanden in den Redaktionen, der oder die mal den Finger hebt und sagt:

"Ähem. Könnte es sein, dass die Auswahl unserer Gäste, nun ja, etwas einseitig ist? Wir haben hier jetzt sehr weiße, sehr privilegierte Menschen ohne Migrationsgeschichte eingeladen... um über Rassismus zu sprechen. Vielleicht sollten wir..."

Was also genau läuft da schief, dass niemand widerspricht, es vielleicht sogar niemandem auffällt? Es macht geradezu fassungslos, wie man so nonchalant über Rassismus, über gesellschaftliche Spaltung diskutiert und alleine mit der Auswahl der Gäste selbst Teil des Problems ist. Und das nicht zu erkennen scheint. Oder es ignoriert. Beides gleichermaßen schlimm.


Nachdem es einen kleinen Shitstorm gegen die Sendung von Maischberger gab, twittert Sandra Maischberger unter anderem:

"Lasst uns doch alle erst mal die Sendung anschauen und anschließend gerne weiterdiskutieren. Machen wir das so?"

Maischberger setzt dahinter einen Zwinkersmiley.


Und dann, sieh an, zaubert die Redaktion doch noch eine POC aus dem Hut: Priscilla Layne, eine Schwarze US-Wissenschaftlerin. Layne ist außerordentliche Germanistikprofessorin an der University of North Carolina in Chapel Hill. Layne kommentierte auf Twitter:

„Der Grund, dass sie mich kontaktiert haben, ist entweder, dass der Gedanke eines schwarzen Talkshowgasts ihnen erst in letzter Minute gekommen ist oder dass sie, wenn sie an Rassismus und Polizeigewalt denken, fälschlicherweise nur an die USA denken.“


Und schließlich:


„Ich erkenne, dass diese Einladung viel von dem ganzen Bullshit wiederspiegelt, mit dem schwarze Deutsche sich auseinandersetzen müssen.“

Ich hatte dieses Thema auch auf meinem Facebookprofil thematisiert (hier und hier). Dazu gab es bemerkenswerte Kommentare:


"Ich fand gestern die Sendung mit Markus Lanz gut. Die Gäste waren auch gut gewählt."
"Ich find die Kritik ein wenig überzogen. Es kommt zunächst mal auf den Inhalt an."
"Die Sendung war sehr ausgewogen, warum will man das jetzt schlecht machen?"
"Muss ein guter Gynäkologe selbst Kinder bekommen haben? (...) Es war eine mit vielen Zahlen, Daten, Fakten unterlegte Talkshow, die sehr hautnah mit emotionalen Lebenssituationen auch durch Markus Lanz das Thema Rrassismus in den USA nahegebracht hat."

Keiner der Kommentatoren scheint sich wirklich daran zu stören, dass in einer Talkrunde über Rassismus keine POC eingeladen waren. Sie scheinen sogar das eigentliche Problem nicht zu erkennen. Die vier obigen Zitate stammen von weißen Männern.


Ich schaue auf die Facebookseite von Maischberger, um zu sehen, wie sie mit der Kritik an ihrer Sendung umgeht. Antwort: Ebenso bemerkenswert. Es reiht sich ein in obige Zitate.


Maischberger (oder ihre Redaktion) verlinkt auf einen FAZ-Artikel mit folgendem Zitat:


"In ihrer letzten Sendung vor der Sommerpause geriet Sandra Maischberger mit einer harmlosen Sendeankündigung ins Kreuzfeuer von Politaktivisten. Wir sehen, wie der Journalismus in polarisierten Gesellschaften unter Druck gerät."

Merke: Wenn man die Zusammensetzung der Gästeliste beim Thema Rassismus kritisiert, ist man laut FAZ und der Maischberger-Redaktion ein Politaktivist. Offenbar war auch der Redaktion aufgefallen, dass derartige Kritik als Politaktivismus zu bezeichnen, deplatziert ist. Denn einige Stunden später änderte sie den Beitrag. Darin findet sich nicht mehr das Zitat der FAZ, sondern ein Zitat des Bundesaußenministers Heiko Maas mit dessen Äußerung über US-Präsident Donald Trump. Möglicherweise weiß die Maischberger-Redaktion nicht, dass man sich auf Facebook Änderungen an Beiträgen in einem Verlauf anzeigen lassen kann:


Die Links sind allerdings dieselben geblieben (auch der zur FAZ), auch einer, den man nur als Versuch deuten kann, sich weitere Schützenhilfe zu holen. Denn in dem dort verlinkten WELT-Artikel heißt es:


"Wegen dieser Gästeauswahl kassierte das Maischberger-Team schon vor der Sendung einen Shitstorm im Netz: Vielen Twitter-Usern passte die „weiße“ Gäste-Runde nicht, schließlich diskutiere Maischberger über die Polizeigewalt gegen einen Afroamerikaner in den USA. Deshalb fehle ein farbiger Gast in der Sendung – anders könne man kaum mit ausreichend Ahnung über Rassismus in den USA diskutieren, so die Kritik."

Da wird "weiß" in Anführungszeichen gesetzt und in abschätziger Art formuliert, es "passe" einigen - um im FAZ-Jargon zu bleiben - Politaktivisten nicht, über Rassismus ohne eine POC zu diskutieren. Ginge es in der Talkrunde über Feminismus und säßen dort nur Männer - wie würde dann die Kritik ausfallen?


Auch am WELT-Kommentare ist gut zu erkennen, wie bei einem Teil der Journalistinnen und Journalisten in Deutschland die Rassismus-Debatte der letzten Jahre offenbar vorbeigezogen ist. Es sollte sich nämlich inzwischen herumgesprochen haben - allen voran im Journalismus - dass man "farbig" schon lange nicht mehr sagt. Es ist ein kolonialistischer Begriff und negativ konnotiert. "Farbige" sind außerdem nicht bunt; und Weiß ist übrigens auch eine Farbe. Es sind Schwarze Menschen oder POC (People of Color; und nein, "Color" übersetzt man in diesem Fall nicht mit "farbig").

Dem fast schon süffisant formulierten und damit unnötigen Satz "...anders könne man kaum mit ausreichend Ahnung über Rassismus in den USA diskutieren, so die Kritik" kann man nur eines entgegen:


Natürlich können auch Weiße Menschen über Rassismus diskutieren. Aber nicht ausschließlich. Und von Rassismuserfahrung können nun mal in erster Linie Schwarze Menschen oder POC berichten - nicht weiße, privilegierte Menschen.


Aber der WELT ist das offenbar alles fremd, denn sie schreibt weiter:


"... lud Maischberger schließlich noch einen weiteren Gast zur Diskussion hinzu: die farbige US-Germanistikprofessorin Priscilla Layne. Layne war per Videoanruf aus North Carolina zugeschaltet und hat als farbige US-Amerikanerin selbst schon unangenehme Erlebnisse mit der Polizei gesammelt."

Der WELT hat entweder Priscilla Layne nicht zugehört oder es schlicht ignoriert. Denn die deutschsprechende Layne spricht selbst nur von "Schwarzen Amerikanern", nicht von farbigen Amerikanern.


Es gibt noch viel zu tun. Fangen wir doch damit an, indem wir uns dieses Video anschauen. Darin berichten Schwarze Deutsche von ihren Erfahrungen in einem speziellen Brennpunkt des "Ersten deutschen weißen Fernsehens". Das Video dauert 8 Minuten und 46 Sekunden. Solange kniete der weiße Polizist auf George Floyd.

Weiterführende Links:

JETZT, das Onlinemagazin der Süddeutschen Zeitung, das sich an 18- bis 30-Jährige richtet, hat hier eine Empfehlung zu Büchern, Filmen, Serien und Social-Media-Kanälen zum Thema Rassismus zusammengestellt. National Geographic beschreibt hier eindrücklich, wie Eltern mit ihren Kindern über Rassismus sprechen können. Amnesty International bietet hier ein kurzes Glossar für diskriminierungssensible Sprache an.

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