• Markus Mauthe

Südsudan - Leben ohne echten Frieden I

Reportage


Eine Reise in die Boma Berge, zu den Ethnien der Jiye & Kachipo


Deutschland hat bisher durch die von der Regierung verhängten Schutzmaßnahmen eine verhältnismäßig geringe Todesrate an Covid-19 Opfern zu beklagen. Was eine beträchtliche Anzahl an besorgten Mitbürgern aber nicht davon abhält, sogenannte Hygiene-Demos zu organisieren, weil sie ihre Grundrechte eingeschränkt oder gar eine Diktatur aufkommen sehen. Für Millionen Menschen auf der Welt hingegen droht die Pandemie wirklich zu einer existenziellen Überlebensfrage zu werden. Ihre Einnahmequellen versiegen, kein Staat eilt zur Hilfe, Hungersnöte drohen. Im Jahr 2017 durfte ich eine Region bereisen, in der viele Menschen auch ohne Viruskatastrophe am Existenzminimum überleben müssen. Ich hoffe, dass wir diese Menschen gerade jetzt in der globalen Krisenzeit nicht aus den Augen verlieren.

Es gibt 194 Staaten auf der Erde. Der jüngste davon ist der #Südsudan. Am 09.07.2011 erlangte er die Unabhängigkeit vom Sudan. Doch große Freude an der neuen politischen Lage hatten die Bewohner der Region bisher nicht. Praktisch während meiner kompletten Lebensspanne von inzwischen fünfzig Jahren wurde die Bevölkerung von Kampfhandlungen gepeinigt. Das hat sich seid der Unabhängigkeit nicht wirklich verbessert. Offiziell gilt das Land wegen des andauernden Bürgerkrieges auch nach der Eigenständigkeit als gescheiterter Staat. Was macht es mit Menschen, die zum Großteil noch in ihren traditionellen Strukturen verhaftet sind, wenn Ländergrenzen gezogen werden, die selten Rücksicht auf Stammeszugehörigkeiten nehmen? Menschen, die nie wirklichen Frieden erlebt haben, oftmals in bitterer Armut verharren müssen? Der Südsudan scheint an vielen Ecken aus der Zeit gefallen zu sein. Das ist per se nichts Schlechtes, hier resultiert es aber aus falschen Entwicklungen.



Die unterschiedlichen Ethnien dieser Weltgegend hatten schon seit Langem meine Neugierde geweckt. Über Jahre hinweg wurden alle meine Rechercheanfragen, egal ob bei Afrika-Experten oder Touristikern, immer gleichlautend beantwortet. Es sei unmöglich und zu gefährlich, dorthin zu reisen. Eines Tages sah ich zufällig Bilder aus Südsudan - auf Facebook. Ein spanischer Ethnologe hatte sie gepostet. Sofort kam Bewegung in die Sache. Ich kontaktierte ihn, was zu ausführlichen Gesprächen führte. Danach hat er begonnen, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Eines meiner intensivsten und außergewöhnlichsten Reiseerlebnisse wurde dank ihm Realität. Joan Riera, der Teufelskerl, hatte es geschafft, dass wir mit einer gecharterten Maschine und unter dem Schutz des stellvertretenden Verteidigungsministers Lieutenant General Yauyau David Jankuch in die Region der Boma Berge fliegen konnten, um dort diverse ethnische Volksgruppen zu besuchen. Das war eine diplomatische Meisterleistung.



Im Südsudan ist alles anders. Schon als wir in der Hauptstadt Juba landeten, sahen wir die Realität in Form von Dutzenden Transportmaschinen auf dem Rollfeld stehen. Sie bringen dringend benötigte Nahrungsmittel zu den hungernden Menschen, besonders im Norden des Landes. Unsere Zollabfertigung erfolgte in Zelten, fertige Gebäude existierten nicht. Wir wurden von einem Abgesandten der Regierung in Empfang genommen, der fliesend Englisch sprach und sehr hilfsbereit war. Neben meiner Frau Juliana begleiteten mich zwei Filmemacher, Simon Straetker und Fabian Bazlen. Wir waren alle sehr gespannt, was uns in dieser ungewöhnlichen Umgebung erwarten würde.


Im Zentrum von Juba schliefen wir in einem Hotel, das nach außen mit hohen Mauern gesichert war und hauptsächlich von Funktionären und Mitarbeitern diverser Hilfsorganisationen genutzt wurde. Auch hier war das Logo der Welthungerhilfe auf Pick-up Trucks und Kleinbussen zu sehen. Abends traf man sich in einer Kneipe, die interessante Leute zusammenbrachte. Hier lernten wir den Brasilianer Bruno kennen, was besonders meine brasilianische Frau Juliana erfreute. Abgesehen davon, dass die zwei Landsleute an ungewöhnlichem Orte waren, hatten sie sogar gemeinsame Bekannte. Bruno gehört zu jenen Personen, die mir immer wieder ein wenig Glauben an die Menschheit zurückgeben. Er ist aus reichem Hause und könnte einen Alltag zwischen Glitzer und Glamour ausleben. Stattdessen arbeitet er seit Jahren an vorderster Front bei der Hilfsorganisation Oxfam, die sich der Armutsbekämpfung verschrieben hat. Es fällt schwer, seinen Erzählungen zu lauschen. Seit Jahren schaut er dem Elend direkt in die Augen, und sein Blick hält stand. Ich hatte großen Respekt vor ihm.


Während wir auf unsere Abreise ins Landesinnere warteten, hat uns Bruno das Umland von Juba gezeigt. Er brachte uns auf eine Ausflugsinsel mitten auf den großen Fluss Nil, an dessen Ufern die Stadt erbaut wurde. Dort sahen wir eine Hochzeitsgesellschaft und in viele lachende Gesichter. Das tat auch uns spürbar gut, in einer ansonsten eher bedrückenden Atmosphäre. Beim Abendessen lernen wir den Minister kennen, mit dem wir am kommenden Tag aufbrechen sollten. Er war ein Hüne von Mensch. Glaubt man den Erzählungen, war er auch einer jener Kämpfer im Unabhängigkeitskrieg, den man im Felde nicht als Gegner haben wollte.

Es war nicht möglich, an unser Ziel auf dem Landweg zu gelangen. Dafür gab es immer noch zu viele regional auftretende Kampfhandlungen. Wir haben die Boma Berge deshalb erreicht, weil es Joan gelang, eine Propellermaschine zu chartern. Diese hatte uns mitsamt dem Ministertross dorthin befördert. So konnten wir im Schutze der Behörden reisen. Der Minister selbst nutzte die Zeit, während wir beim Erkunden waren, um seine Heimatregion zu besuchen. Schon kurz nachdem wir in Juba abgehoben hatten, merkte ich beim Blick aus dem Fenster, dass etwas fehlte, was andernorts gang und gäbe war. Das Land war praktisch leer. Ich sah keine Straßen, kaum Siedlungen und viel ausgetrocknete und zum Teil auch verbrannte Savanne.



In der kleinen Ortschaft Boma, am Fuße der gleichnamigen Berge angekommen, wurde dem Minister und uns ein offizieller Empfang bereitet. Als wir hinter ihm aus dem Flieger stiegen, sahen wir das Flugfeld weiträumig von Soldaten bewacht. In Reih und Glied standen dort örtliche Behördenträger, um den hohen Besuch angemessen zu begrüßen. Einer davon war ein langhaariger Weißer, der vorausgereist war, um vor Ort die Expedition zu ermöglichen. Hier kreuzten sich nun zum ersten Mal die Wege von Joan und mir.


Auf dem Fußmarsch zum Basislager wurden wir von Dutzenden Frauen begleitet, die klatschend lauthals Lieder sangen und mit ihrer wunderbaren Lebensfreude vergessen ließen, dass genau hier im Jahr 2012 zahlreiche Menschen bei Kampfhandlungen ihr Leben verloren. Downtown Boma bestand aus nicht viel mehr als ein paar Hütten und war trotzdem keine Coca Cola frei Zone mehr. Wer Geld hatte, konnte sich Luxusartikel wie Softdrinks, Bier und Kekse in kleinen Läden kaufen.

Doch was machte diese Region für einen Ethnologen wie Joan und einen Fotografen wie mich so interessant? Es war eine kleine Gruppe, die sich selbst Kachipo nannte und der Ethnie der Suri angehörte. Diese wollte Joan unbedingt besuchen. Die Menschen hatten sich vor mehr als zehn Jahren wegen der Unruhen im Land in die bis dahin unbewohnten Boma Berge zurückgezogen, um sich dort ein sicheres Umfeld aufzubauen. Laut Joans Informanten hatten sie bis heute keinerlei Besuch von Ausländern bekommen. Das sprach natürlich mein Entdeckergen und Joans Forschergeist an. Indem wir unsere Kräfte bündelten, brachten wir Joan finanziell in die Lage das Unternehmen zu organisieren.



In Boma gab es zwei Jeeps. Diese wurden abwechselnd vom Militär und von der hier aktiven amerikanischen Naturschutzorganisation Wildlife Conservation Society genutzt. Immer wieder hatte ich Gerüchte gehört, dass es in der Grenzregion zu Äthiopien noch eine große Migration von hunderttausenden Wildtieren geben soll. Eine Tierwanderung, die der in der Serengeti in nichts nachsteht. Gleichzeitig sprach man aber auch davon, dass diese Tiere wegen des Krieges gar nicht mehr existieren würden. Keiner wusste etwas genaues. Auch die hier stationierten Ranger nicht. Kann man das glauben? Ich stellte mir vor, was man im Land an nachhaltigem Ökotourismus aufbauen könnte, wenn es endlich gelänge, den fürchterlichen Krieg zu beenden. Doch der Kampf um das Erdöl und anderer reichhaltigen Bodenschätze scheint zu verlockend, um sich mit alternativen Entwicklungsformen zu beschäftigen. Wie so oft.


Es war ein Privileg, einen der Pick Ups nutzen zu dürfen. Nachdem wir uns vom Minister höflich verabschiedet hatten, stellten wir unsere Zelte auf und nutzen den Nachmittag für eine Ausfahrt. Die besten Erlebnisse passieren zumeist dann, wenn man gar nicht damit rechnet. Langsam fuhren wir an mehreren Dörfern der ethnischen Gruppe der Jiye vorbei, bis wir im Hauptdorf ankamen. Überall winkten uns die Kinder zu und rannten mit lachenden Gesichtern hinter dem Auto her. Es war offensichtlich eine willkommene Abwechslung für sie, Fremde zu sehen.


Die Dörfer bestanden alle aus traditionellen Rundhütten, deren Dächer mit Savannengras bedeckt waren. An einem großen, einzelnen Baum stoppten wir das Auto. Wir wurden einer Gruppe älterer Männer vorgestellt, die dort im Schatten saß. Augenscheinlich die Stammesführer. Nachdem wir herzhaft begrüßt wurden, durften wir uns auf wackeligen Klappstühlen zu ihnen setzen. Was dann geschah, werden wir alle wohl nie vergessen. Wie auf Kommando erschienen aus allen Richtungen zahlreiche Frauen und begannen um uns und die im Kreis sitzenden Männer zu tanzen. Auch aus den anderen Dörfern kamen Menschen herbei. Es mussten am Ende hunderte Jiye gewesen sein. Wie in Ekstase sprangen, sangen und tanzten, gerade auch die älteren Damen über den großen Platz um den Baum herum. Ich hatte die ganze Zeit Gänsehaut. Etwas Vergleichbares, in dieser Intensität und Größenordnung, hatte ich zuvor auf keiner anderen Reise erlebt.


Die Frauen waren in bunte Tücher gehüllt und mit reichlich, farbigem Schmuck um den Hals und die Arme behängt. Viele hatten facettenreiche Gesichtsnarben und manche die Lippe durchstochen, woraus ebenfalls ein Schmuckstück ragte. Bestimmt eine halbe Stunde lang herrschte auf dem Gelände eine Energie, die man kaum in Worte fassen kann. Ich wusste gar nicht, wohin ich die Kamera zuerst richten sollte. Als alle im großen Kreis auf dem Boden saßen, wurden Reden gehalten und wir als Besucher offiziell willkommen geheißen. Alle lauschten aufmerksam und klatschten immer wieder zustimmend Beifall. Die Kultur und soziale Struktur erschien mir intakt, sofern man das überhaupt nach so kurzer Zeit einschätzen konnte. Später wurden wir durch das Dorf geführt, und ich bekam dazu in den darauf folgenden zwei Tagen ausführlich Zeit, die individuelle Schönheit der Menschen mit meiner Kamera einzufangen.



Der Besuch bei den Jiye hätte mich eigentlich sehr glücklich machen müssen. Wir erlebten hier genau das traditionelle Afrika, das ich mir gewünscht hatte sehen zu dürfen. Jenen bunten Kontinent, den ich durch die Abenteuerbücher meiner Kindheit so liebte. Bücher, die damals in mir die Neugierde geweckt haben, unsere Welt in ihrer ganzen Vielfalt selbst kennenzulernen. Doch meine Freude wurde durch den sehr harten Alltag der Menschen gedämpft.


Das, was sie dem vertrockneten Land an Nahrung abringen können, reicht kaum zum Überleben. Der Mangel an wirklich gutem Wasser ist gravierend. Das bekamen wir später noch am eigenen Leibe zu spüren. Zu sehen, was ein einfacher Keks in den dortigen Kinderaugen auslöste, ließen mich und meine Frau fast schamhaft an unseren eigenen täglichen Konsum im Überfluss denken.


Auch die Jiye sind auf die Hilfe von außen angewiesen. Dass diese Hilfe kommt, ist gelebte Menschlichkeit. Doch wie sie durchgeführt wird, hat mich ein wenig verärgert. Natürlich ist es sehr aufwändig, Lebensmittel in diese abgeschiedene Region zu bringen, und natürlich gibt es unzählige Orte, die Unterstützung benötigen.

Aber ist es denn in der heutigen Zeit zu viel verlangt, dass man einen einzigen Mitarbeiter der Welthungerhilfe bittet, den Menschen beizubringen, wie man mit dem entstehenden Abfall umgehen könnte? Dass es hier kein Recycling gibt, ist klar. Aber warum nicht einfach eine Grube ausheben - und rein damit. Große Teile des Dorfes waren mit Plastikverpackungen und Aluminiumdosen übersät, was geradezu grotesk aussah. Diese werden in den kommenden Jahrhunderten von den Winden über die Savanne getrieben. Manche werden vom Sand verschluckt, andere an Büschen hängend noch lange an die Inkonsequenz des modernen Lebens erinnern. Der Planet ist wirklich nicht zu beneiden. Hier geht es zum zweiten Teil der Reportage © Text & Fotos Markus Mauthe


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