• Jeannette Hagen

Statt Solidarität gähnende Leere

Als ich am Freitag Tagesspiegel online geöffnet und kurz durchgezählt habe, kam ich auf ganze zehn Artikel, die sich auf die ein oder andere Art mit der Aktion #allesdichtmachen auseinandersetzten. Misst man den Erfolg an Aufmerksamkeit, dann lässt sich sagen, dass die gut 50 Schauspieler*innen ihr Ziel erreicht haben – so viel Aufmerksamkeit bekommt ein Tatort in der Regel selten, und es ist auch eher selten, dass Jens Spahn sich gleich genötigt fühlt, einer krittelnden Bühnen- und Fernsehbohème eine Audienz zu gewähren. Pflegekräften und Intensivmedizinern ist das jedenfalls noch nicht gelungen.


Die „gleichgeschaltete Systempresse“ war sich überwiegend darin einig, dass die Aktion gründlich missglückt ist. Und auch die Resonanz bei Twitter und Facebook zeigte eindeutig in diese Richtung. Reichlich Applaus gab es dagegen von Querdenkern, Atilla Hildmann, Hans-Georg Maaßen, AfD-Politiker:innen wie Alice Weidel, Stephan Brandner, Alexander Gauland – um nur einige der prominenten Beifallsklatscher aufzuzählen. Bravo.


Der Journalist Sebastian Leber bezeichnete die Aktion im Tagesspiegel als schäbig, und ich kann mich diesem Urteil nur anschließen. Nachdem die Kritik kam, meinte irgendjemand aus der Geknechteten-Riege, dass sie wohl einen Nerv getroffen hätten. Ja, kann ich da nur sagen, habt ihr. Den Nerv der Opfer. Nicht nur den Nerv derer, die ihre Lieben und Nächsten an Corona verloren haben, sondern auch den jener, die unter dem Unrechtsstaat DDR gelitten haben. DDR 2.0 – wer so etwas sagt, blendet die Geschichte aus. Der macht die Augen davor zu, wie sehr Menschen gelitten haben, die sich gegen dieses System gestellt haben. Der blendet ihren Mut aus, ihren Schmerz, ihre Tragik. Keiner von denen wurde von einem Minister zum Gespräch eingeladen. Nein, sie wurden verhöhnt, gefoltert, eingesperrt oder an der Grenze getötet. Schon vergessen?


Und dann diese unsägliche Medienschelte. Das Gelaber von der gleichgeschalteten Presse. Wann habt Ihr das letzte Mal eine Zeitung im Ganzen gelesen, statt auf dem iPhone mal zwischendurch über die Schlagzeilen zu scrollen oder in Euren Blasen zu verweilen? Was glaubt Ihr eigentlich? Dass wir uns morgens alle versammelt zum Rapport bei der Kanzlerin treffen, um dort unsere Befehle entgegenzunehmen? Dass wir morgens ein Tagespaper auf dem Tisch haben, wo draufsteht, worüber wir zu berichten haben? Habt Ihr Euch mal die Mühe gemacht, mit Journalisten zu sprechen, mal zu fragen, wie unser Alltag aussieht? Am besten hat es für mich Marietta Slomka auf den Punkt gebracht, die in ihrer Anmoderation zu diesem Thema sinngemäß sagte, dass der Diskurs, der herrscht, die unterschiedlichen Meinungen, die auch in der Presse, vor allem auch in der Springer-Presse Raum bekommen, wohl an diesen Menschen vorbeigegangen sein müssen.


Dutzende Pflegekräfte und Ärzt*innen haben in den sozialen Netzwerken ihren Unmut kundgetan, haben gefragt, ob die Riege mal eine Covid-Station besuchen möchte? Richy Müller, der in seinem Video lustig grinsend in eine Tüte atmet, aufgefordert sich vielleicht mal ein paar Tage an ein Beatmungsgerät zu legen, damit er eine Ahnung davon bekommt, wie sich das anfühlt, was die Menschen durchleiden, wie sie nach Luft schnappen, wie sie um jeden Atemzug ringen, nur um am Leben zu bleiben. Wie sie sich an jeden Strohhalm klammern, um nicht zu sterben, sondern ihre Kinder aufwachsen zu sehen, ihre Enkel zu umarmen. Wie die Angehörigen leiden, weil die Welt für sie plötzlich eine andere ist. Aber hey, was für eine Diktatur.



Nach der berechtigten Kritik auf allen Kanälen, haben sich etliche Schauspieler*innen distanziert. Bis heute 16 an der Zahl – darunter Heike Makatsch und Ulrike Folkerts. Auch das Video mit Richy Müller ist nicht mehr abrufbar. Bleibt die Frage, was sie überhaupt geritten hat, sich für diese Aktion herzugeben? Hätten sie nicht ahnen können, was derartige Botschaften auslösen, aus welcher Richtung geklatscht wird? Hätten sie. Und das macht die Sache noch schlimmer und ärgerlicher, als sie ohnehin schon ist, denn zwei der Initiatoren machen in den sozialen Medien kein Hehl aus ihrem Unmut gegen die Maßnahmen und sind auch nach der Kritik alles andere als einsichtig. Da hilft auch nicht, auf die Seite von #allesdichtmachen zu schreiben, dass es darum geht, mit satirischen und ironischen Mitteln auf ein Ungleichgewicht aufmerksam zu machen. Und natürlich fühlen sie sich jetzt als Opfer. Prangern an, dass allein die Reaktion zeigen würde, dass etwas ins Ungleichgewicht geraten wäre. Auf Instagram diffamierte Bernd K. Wunder, der im Impressum der Seite als Verantwortlicher genannt wird, 2020 jene, die sich an die Maßnahmen halten als „Mundschutzknappen“. (Quelle: Matthias Meisner, Twitter). Auf Twitter warb er für die Querdenker-Partei „Widerstand 2020“.


Dietrich Brüggemann, Regisseur und neben den Schauspielern Volker Bruch und Jan Josef Liefers einer der Initiatoren von #allesdichtmachen, schreibt auf Twitter:

„Die Videos verhöhnen nicht die Opfer der Corona-Pandemie und auch nicht das medizinische Personal, sondern: Euch. Und Publikumsbeschimpfung ist die erste Aufgabe der Kunst. Die Reaktion zeigt: Es hat funktioniert.“


Das nennt man wohl einen klassischen Dunning-Kruger-Effekt. Und auf der Seite noch den „Leave no one behind“ Slogan zu missbrauchen, setzt dem Ganzen wirklich die Krone auf.


Kritik ist wichtig, Kritik ist angebracht, Kritik muss vorgebracht werden, Kritik kann in unserem Land vorgebracht werden. Viel wichtiger wäre allerdings momentan, sich solidarisch zu zeigen. Niemand hat mehr Lust auf diese Pandemie. Allerdings haben einige offensichtlich immer noch nicht verstanden, dass nicht die Regierung, nicht jene, die sich an die Regeln halten, der „Feind“ sind, sondern all jene, die die Maßnahmen immer wieder torpedieren. Wären wir ALLE konsequent mit unseren Hintern zu Hause geblieben, hätte die Regierung die Möglichkeiten dafür geschaffen, dann wären wir heute nicht da, wo wir stehen. Während ich das schreibe, kommt die Meldung rein, dass man in Westaustralien wegen eines einzigen Covid-Falles einen dreitägigen kompletten Lockdown beschlossen hat. Ob man dort auch solche Kampagnen fährt?


Nein, #allesdichtmachen ist keine Kritik. Es ist eine misslungene Aktion, die zeigt, dass jene, die mitgemacht haben, einen ziemlich beschränkten Horizont haben müssen und die Realität ausblenden. Warum, das bleibt ihr Geheimnis. Schön wäre, wenn einige zukünftig ihre Reichweite nutzen, um Mut zu machen, um zu unterstützen. Und um die zu stärken, die seit Monaten auf dem Zahnfleisch kriechen, weil sie ausgebrannt sind. Denn wo sind die Aktionen fürs Impfen, wo die für die Pflegekräfte, wo die für die Fahrer der Paket- und Essensdienste? Wo die für Eltern, für Lehrer*innen, für jene in der Kunst- und Kulturbranche, die wirklich alles verloren haben?


Die gähnende Leere an dieser Stelle tut verdammt weh. ---- Wie Journalist:innen wirklich arbeiten, hat der Kollege Johannes Hano anschaulich in einem Twitter-Video zusammengefasst: