• Lutz Jäkel

Arizona. Land der Native Americans

Reportage


Die ersten Weißen kamen Mitte des 16. Jahrhunderts an den Rio Grande, im 19. Jahrhunderts begann die Zeit des Wilden Westens mit Goldgräbern und Revolverhelden. Ende des 19. Jahrhunderts waren die letzten Indianerstämme geschlagen, unterworfen und in Reservate umgesiedelt oder gedrängt. Es hat lange gebraucht, bis Traditionen und Sprache der Native Americans anerkannt wurden.




Ich sehe mich um, suche, um schließlich festzustellen: Nein, Kaffeetassen gibt es tatsächlich nicht. „Sorry, Sir!“, sagt die sehr freundliche Servicedame und zeigt wie selbstverständlich auf einen Stapel #Plastikbecher. Man muss wissen: Ich bin nicht in einem Imbiss oder in einer Tankstelle. Ich stehe in der Executive Lounge eines Fünfsterne-Hotels in Phoenix, der Hauptstadt des US-Bundesstaates #Arizona. Aber Becher für den Kaffee zum Frühstück sind aus Plastik. In Sachen Ressourcenverschwendung ist die Region ohnehin ein Alptraum: Hohe Temperaturen im Sommer, eisige im Winter sorgen dafür, dass Klimaanlagen rund um die Uhr laufen und der durchschnittliche Stromverbrauch doppelt so hoch ist wie im Rest der USA. Das ist das eine. Das andere sind: Spektakuläre Landschaften, viele Nationalparks, eine riesige Pflanzen- und Tierwelt, ein trockenes, fast immer sonniges Klima. Der Südwesten der USA mit den Staaten Arizona, Utah, New Mexiko und Colorado, vier Mal so groß wie Deutschland, ist ein nahezu perfektes Reiseziel für Naturfreunde. Dazu kommt eine besondere Geschichte. Erst waren es die Hochkulturen der Anasazi- und Hohokam-Indianer, dann die der Pueblo am Rio Grande und die Hopi in Arizona, Spuren alter Indianersiedlungen sind noch immer zu finden, zum Beispiel in den „White House Ruins“ im Chimney Valley in Arizona, die rund 1000 Jahre alt sein sollen. Die ersten Weißen – Spanier und Missionare – kamen ab Mitte des 16. Jahrhunderts an den Rio Grande, ab Anfang des 19. Jahrhunderts wanderten die ersten Angloamerikaner vom Osten her in den Südwesten ein, die Zeit des Wilden Westens mit Goldgräbern und Revolverhelden begann – und gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die letzten Indianerstämme geschlagen, unterworfen und in Reservate umgesiedelt oder gedrängt. Es hat lange gebraucht, bis Traditionen und Sprache der #Native #Americans, wie sie heute vor allem genannt werden, anerkannt wurden. Die Siedlungsgebiete der Native Americans sind heute weitgehend autonom verwaltet, viele von ihnen betreiben vielfach eigene touristische Projekte wie Hotels oder Agenturen. Zu ihnen gehört auch Donovan Hanley, Reiseleiter und Geschäftsführer von „Detours Native America“.

Er holt uns am Hotel ab, es geht zunächst über den Apache Trail, einer alten Postkutschenroute, die durch das Gebiet der Apachen lief. Der Trail führt durch die Superstition Mountains, einer Bergkette nordöstlich von Phoenix gelegen. Nach kurzer Fahrtzeit erreichen wir das „Superstition Mountain Museum“. Jeff Danfort, hagere Statur in Jeanshose und -hemd, grauer Bart und Glatze, auf der ein Cowboyhut sitzt, führt durch die Ausstellung, die sich mit der Geschichte des Apache Trail befasst.


Jeff zeigt auf Fotos von Buffalo Soldiers, jenen afroamerikanischen Soldaten, die im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Nordstaaten für die Befreiung von Sklaverei gekämpft haben. Indianer nannten die Soldaten so, weil die oft lockige Haarpracht der Soldaten sie an die Mähne von Büffeln erinnerten. Jeff zeigt auf Fotos von Geronimo, jenem berühmten Apachenhäuptling, der zwanzig Jahre lang in Guerillataktik einen ausweglosen, aber umso erbitterten Kampf gegen Siedler und die US-Kavallerie führte, stellvertretend für alle Indianer gegen die Weißen. 1886 ergab er sich und starb 1909 in einem Reservat. Jeff betont: „Wir wollen das historische Erbe in Erinnerung halten, von allen, also von Indianern, Cowboys, Goldsuchern.“

Nur eine gute Meile entfernt liegt Goldfield Ghost Town, 1893 gegründet, mit rund 1200 Einwohnern damals die größte Siedlung in Arizona und ein wichtiger Außenposten während der Blütezeit der Goldsuche. Alles wirkt wie eine verlassene Filmkulisse, was es im Grunde auch ist. Besucher können entlang der Hauptstraße noch ein bisschen das Flair der Goldsucherzeit schnuppern, sich durch eine (nachgebaute) Goldmine führen lassen und anschließend im „Mammoth Saloon“ einkehren, natürlich mit deftiger Küche und Plakaten von John Wayne an den Wänden.


Dan, der Besitzer, macht gerne Witze, etwas aufgesetzt fuchtelt er für das Foto mit einem Revolver herum, auf einem Foto an der Wand sieht man ihn zusammen mit George W. Bush junior. „Guter Mann!“, findet der 70-jährige Dan und erzählt eher nebenbei, dass er aus Mersin in der Türkei stammt, aramäischer Christ sei, seit 1976 lebt er in den USA. Dan verteilt Ouzo in kleinen Plastikbechern, zuvor gab es große Burger auf Plastiktellern und Cola aus riesigen Plastikbechern. In großen Lettern, direkt neben einem Plakat mit John Wayne, steht: „Jesus coming soon, are U ready?“

Während wir über den National Bush Highway Richtung Salt River fahren, erzählt Donovan, unser Guide und Fahrer, und wir sind zunächst irritiert. Wir verstehen ihn nicht und überlegen, ob er einen sehr harten amerikanischen Dialekt spricht. „Aber nein“, sagt Donovan, „das war die Sprache meines Volkes.“ Donovan gehört zu den Navajo, mit mehr als 320.000 Angehörigen einem der größten Stämme der Native Americans. Donovan legt viel Wert auf diese Bezeichnung, auch spricht er von „Nation“, wenn er Stamm meint. Auch „Reservation“, wie die Regionen genannt werden, in denen die verschiedenen Stämme leben, werde nicht gerne gehört, erzählt Donovan weiter, denn es klänge noch immer nach dem, wofür es einst auch gedacht war: Nach Ausgrenzung. Besser sei „Nation Land“ oder „Homeland“. Navajo nennen sich selbst auch „Diné“, das Volk. Viele von ihnen leben noch immer in traditionellen Häuser, den „Hogans“, meist sechseckig, gebaut aus Holz, Lehm und Steinen.

„Amerikaner sind groß darin, auf andere Länder und Kulturen herabzusehen und ihnen zu sagen, was sie falsch machen. Und sie glauben, dass sie selbst alles richtig machen“, sagt Donovan. „Deswegen haben sie sich auch nie richtig eingestanden, was sie mit der Behandlung der Native Americans falsch gemacht haben.“ Viel habe sich in den letzten Jahren jedoch verändert, die Kultur der Native Americans würde stärker gepflegt, gefördert und vor allem: respektiert. Donovan versucht als Reiseleiter Brücken zu bauen, fördert auch den Austausch der Stämme untereinander. Donovan spricht in seiner Familie Navajo, auch die Sprache heißt wie der Stamm. Englisch ist allerdings seine erste Sprache, sie braucht er für den Job, aber auch, um mit anderen Stämmen zu kommunizieren, denn die Sprachen unterscheiden sich. „Man kann es so vergleichen“, erklärt Donovan, „die Apachen sprechen Spanisch, die Navajo Portugiesisch. Wir verstehen uns, aber die Sprachen sind doch unterschiedlich.“ Noch immer gebe es manchmal bei den Stämmen Vorbehalte, Englisch zu sprechen. „Es ist die Sprache der einstigen Unterdrücker, der Feinde.“ Zu lange hieß es: „Save the men, kill the Indians.“ Wir erreichen die Saguaro Lake Ranch, unser Hotel für die nächsten Nächte, unweit des Saguaro Lake, direkt am Salt River und mitten im Tonto National Forest. 1928 wurde die Ranch gebaut, es gibt 24 kleine Bungalows, verteilt über das Gelände, spartanisch eingerichtet, kein Fernseher, kein Wifi, man soll sich auf die Natur konzentrieren. Der Kaffee wird sogar in Keramikbechern und mit Holzlöffeln gereicht. Mitten im Gelände gibt es eine große Koppel mit eigenen Pferden, Cowboys und einer Cowgirl. Ein Ausritt am nächsten frühen Morgen an den Saguaro Lake lässt für einen Moment Cowboy Feeling aufkommen, auch wenn wir als Reiter nicht so elegant wie John Wayne aussehen dürften. Und hier stehen sie überall, zu Hunderten, Tausenden: Die Kakteen, der Symbolbaum des Wilden Westens. Rund 300 Arten gibt es, der Name Saguaro – was man ungefähr so ausspricht: Sawaroh – stammt noch aus der Sprache der Native Americans, es ist die größte Kakteenart der USA. Bis zu 200 Jahre alt können sie werden, bis zehn Tonnen wiegen und 15 Meter hoch sein, erst nach rund 80 Jahren wachsen die so typischen Arme. Gewitter im Sommer und viel Regen im Winter versorgen die große Kakteenwälder mit genug Feuchtigkeit.

Wir treffen Rancher Brennon am westlichen Ende des Mountain Regional Parks mitten in der Sonoran Desert, also in der Wüste. „Wenn sie Wüste hören, glauben viele, da kommt gleich Lawrence of Arabia auf dem Kamel angeritten. Aber auch das hier ist Wüste“, sagt Brennon und zeigt auf die Landschaft, in der man auch wieder unzählige Saguaros sieht. 100 verschiedene Reptilienarten lebten hier, auch 25 verschiedene Amphibien, weil es genug Flüsse gebe, dazu kommen über 2500 Pflanzenarten. Diese riesige Vielfalt an Pflanzen und Tieren überrasche viele Touristen, sagt Brennon. Wir wandern durch die Wüste, nach einer guten Stunde haben wir eine Höhe der angrenzenden Berghügel erreicht und einen fantastischen Blick in die Ebene bis nach Phoenix. Am frühen Nachmittag bewundern wir diese Landschaft bei einer Kajaktour über den Saguaro Lake und sind rechtzeitig am späten Nachmittag zum schönsten Sonnenuntergangslicht wieder mitten in der Wüste, um uns beim „Sonoran Desert Dinner“ mit kulinarischen Genüssen eines 4-Gänge-Menüs verwöhnen zu lassen. Etwa 30 Personen haben dieses Event gebucht, prosten sich mit bestem kalifornischem Wein zu, genießen neben dem Menü den Sternenhimmel – und die meisten sind froh, auch einen dicken Pulli oder eine Jacke eingepackt zu haben. Nachts wird es kalt in der Wüste, hier wird es wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Die Route führt uns in den Norden Arizonas. Donovan sagt: „Ich fahre schon so lange auf den Highways, ich kenne jeden Kaktus mit Namen.“ Und nach einigen Meilen fällt es zunächst gar nicht auf, dann merkt man es doch: Hier gibt es keine Kakteen mehr. Es ist zu hoch, zu kalt. Die Wüste liegt hinter uns. Es geht nun durch Pinien- und Kiefernwälder, Hirsche und Elche sind hier zu Hause, auf den Berggipfeln in der Ferne liegt Schnee. „Nuva'tuk-iya-ovi“, „Ort des hohen Schnees“, nennen die Hopi-Indianer diesen Berg, für sie und viele andere Indianerstämme sind diese Berge heilig. Am Straßenrand, auf Parkplätzen verkaufen Native Americans Schmuck und anderes Kunsthandwerk, zahlen kann man ohne Probleme mit dem Smartphone und einer Kreditkarten-App. Schmuck erzähle immer eine Familiengeschichte, erläutert Donovan. „Ich durfte eine bestimmte Kette nur dann tragen, wenn meine Mutter dabei war.“ Donovan trägt an jedem Finger einen Ring: „Der Zeigefinger steht für die Mutter, der Mittelfinger für den Vater, der Ringfinger ist Opa, der kleine Finger steht für die Vorfahren. Ich selbst bin der Daumen. Und die Faust ist die ganze Familie, sie hält zusammen.“

Über den Highway 87, der auch an ausgetrockneten Seen vorbeiführt, erreichen wir Flagstaff. Mit rund 140.000 Einwohnern größte Stadt im nördlichen Arizona. Man möchte allerdings meinen, das einzig Spektakuläre an dieser Stadt ist, dass sie an der Route 66 liegt, jener legendären rund 3600 Kilometer langen Route, auf der in den 1930er Jahren sich Zigtausende mit ihren Tracks auf den Weg nach Kalifornien machten. Als Ausgangsstation für die Erkundung der Umgebung eignet sie sich Falstaff aber allemal. Aber oft braucht es ja nicht viel, um sich touristisch zu vermarkten. Auch Winslow, nicht weit von Falstaff entfernt, hat nicht allzu viel zu bieten. In der Nähe liegt zwar der Barringer-Krater, wo vor etwa 50.000 Jahren ein Meteorit einschlug, viel mehr ist da nicht. Aber auch Winslow liegt an der Route 66. Und seit die Country-Rock-Gruppe Eagles in ihrem Song „Take it easy“ die Zeile sang „Standing on a corner in Winslow, Arizona…“ möchte sich jeder Tourist an dieser Ecke fotografieren lassen. Souvenirläden wie der „The Take It Easy Store“ sind gleich daneben. Die Bewohner von Winslow vermarkten sich aber auch humoristisch: „Winslow: 30 miles from water, 2 feet from hell“ heißt es in Prospekten.

Dann das Highlights eines Grand Canyon Besuchs: Sehr früh am Morgen, alle sitzen da, viele in dicke Decken gehüllt wegen der klirrenden Kälte im November, der Wind pfeift und lässt die Temperaturen gefühlt noch eisiger erscheinen. Aber sie warten. Dann, endlich, geht die Sonne auf, hüllt ihre hellen und auch wärmenden Strahlen über die grandiose Schlucht, überzieht zunächst die Spitzen, dann die ganzen Felswände in goldenes Licht. Alle zücken ihre Smartphones, einige ihre Kameras, Klick, Klick, Klick, ein Selfie folgt auf das nächste, wird auf Instagram und Facebook gepostet – und nach einer knappen halben Stunde ist der Spuk vorbei. „Ich war da“ ist die Botschaft der Instagram-Generation, das genügt. Donovan schmunzelt, fragt: „Soll ich ein Foto von dir machen?“ Ich drücke ihm mein Smartphone in die Hand.

Wir fahren über den Highway 89 weiter flussaufwärts. Unweit des Glen Canyons Dam, dem zweitgrößten Stausee der USA, liegt Horseshoe Bend, ein gigantischer Felsbrocken, um den sich hufeisenförmig der Colorado River schlängelt. Das Plateau davor bietet einen spektakulären Ausblick auf das Naturschauspiel. Es ist erstaunlich: Auf den Highways wird alle paar Kilometer vor irgendetwas gewarnt: Feuer, Pferde, gefährliche Kurve. Auf dem Plateau, das sehr tief und sehr steil in den Canyon abfällt, gibt es keine Gefahrenhinweise, keine Absperrungen, nichts. Es soll aber auch schon Tote gegeben haben. Kurzer Stopp in einem BBQ Restaurant, einer ehemaligen Tankstelle. Auch hier: Berge von Plastik, alles verschwindet in riesigen Mülleimern, nichts wird getrennt. Ich frage schließlich, warum das so ist. Der Waiter versteht zwar, was mich stört. „Ja, wir könnten normales Geschirr verwenden.“ Aber achselzuckend sagt er: „Ein Tellerwäscher kostet Geld. Er wäre jedenfalls teurer als neues Plastikgeschirr zu kaufen.“


Nach gut zwei Stunden Fahrt folgt ein weiteres Highlight Arizonas: Das Monument Valley. Aus der Filmwelt ist das 120 Quadratkilometer große Gebiet nicht mehr wegzudenken, spätestens seit John Ford 1938 den ersten Westernklassiker “Stagecoach“ mit John Wayne dort drehte. Seither sind rote Sandsteinmonolithe, Tafelberge und Wüsten klassische Kulissen eines Westerns. Ob John Wayne oder Peter Fonda in Easy Rider, immer ging es um Freiheit und Abenteuer. An einem Aussichtsplatz weht eine US-amerikanische Flagge, darauf wieder ein Porträt von Geronimo, des berühmten Apachenhäuptlings, ihm ging es nur um Freiheit.



Und dann: Es könnte kitschiger kaum sein, und doch ist es traumhaft schön. Wenn die Sonne langsam über den Horizont steigt und die berühmtesten Felsen des Monument Valleys zu glühen beginnen, hüpft das Fotografenherz. Auch Donovan liebt noch immer diesen Blick auf diese Landschaften. „Das ist Homeland“, sagt er während er sich über seinen Zopf streift. Ich frage, warum viele Native Americans lange Haare tragen. „Lange Haare symbolisieren Regen“, erklärt Donovan. Navajo tragen die Haare in der Regel geschlossen als Zopf. Winnetou trug die Haare in den berühmten Filmen meist offen. „Aber das war ja auch ein Apache“, sagt Donovan, der von Karl May und Winnetou Filmen erst von europäischen Touristen hörte.


Die Länge der Haare stehe zudem für die Größe der Weisheit – und für ihr Zuhause. Als die weißen Amerikaner auch indianische Kinder in Schulen zuließen, musste diese ihre Haare schneiden, erzählt Donovan. Kurze Haare, das war das, was weiße Amerikaner unter Zivilisation verstanden. Für die Native Americans war es genau das Gegenteil. Donovan sagt: „Tourismus ist für uns erst in zweiter Linie ein Geschäft. Es ist vor allem eine Möglichkeit, unsere Geschichte zu erzählen.“ © Text & Fotos Lutz Jäkel, 2020. Reportage erschienen im Magazin "abenteuer und reisen".

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