• Lutz Jäkel

Wenn Jürgen T. eine Partei gründet

Glosse


Stellt euch vor, ihr kündigt in einem Video das größte Ereignis an, das andere je erlebt haben, sen-sa-so-tio-nell wird es, so toll, dass die Zuschauer noch den Enkelkindern davon erzählen werden, ein Ereignis, über das ganz Deutschland sprechen werde. Mo-na-te-lang habt ihr das alles vorbereitet. Ihr mietet eine der exponiertesten und historischsten Plätze Berlins an, den Platz vor dem Brandenburger Tor, baut eine schöne, technisch beeindruckende Bühne auf, spielt choreografisch dramatische Musik ab, nutzt ausgeklügelte Illuminationstechnik, ihr feiert auch noch einen runden Geburtstag - jetzt ein Ständchen! Tusch! Danke! - und wollt, als Höhepunkt, die Gründung einer Partei verkünden, alles vorbereitet für mehrere Tausend, angemeldet aber für "nur" 1000 Zuschauer, wegen Corona, logisch - und dann stehen da rund 300 Zuschauerinnen und Zuschauer, wie die Polizei auf Anfrage mitteilt. Oh.

Tja. So war es am Abend des 12. November 2020 bei der Kundgebung von und mit dem Publizisten und Politiker Jürgen Todenhöfer vor dem Brandenburger Tor. Interessant war es trotzdem.

Um 19.20 Uhr - Popstars kommen immer zu spät - erklimmt Todenhöfer, eskortiert von zwei Bodyguards, die Bühne. Jubel. Es ist tatsächlich beeindruckend, wie agil und voller Elan Todenhöfer mit seinen 80 Jahren das macht und in der Lage ist, eine flammende Rede zu halten, nicht ganz frei, wie eine Zeitung behauptet, denn vor ihm am Boden steht ein riesiger Screen mit dem Script, auf den Todenhöfer immer wieder schaut. Dennoch beeindruckend, wie er redet. Er ist ein ausgezeichneter Rhetoriker, das steht außer Frage. Die flammende Rede zündelt aber leider an vielen Ecken, aus dem Rhetoriker wird im Laufe der Rede ein Agitator.

Zu Beginn reibt man sich kurz die Augen, als JT, wie er gerne abgekürzt wird, erst mal vom Krieg erzählt. Oppa erzählt vom Krieg? Ja, tut er. Wie schlimm das damals alles war, wie er, als Bub, gelitten hat, aber das habe ihn, den Jürgen, geprägt, nämlich dafür einzutreten, dass es nie wieder Krieg geben dürfe. Nie wieder! Jubel.

Alles wird live auf seinem Facebook-Kanal gestreamt, der Beitrag ist noch immer online, für die Ungeduldigen gibt es ein Best-of.

Der rhetorische Kniff mit dem Krieg ist aber gut gesetzt, denn er möchte schließlich sagen: Ich habe alles erlebt. Und irgendwie hat er das ja auch. Er kann auf eine lange politische und mediale Karriere zurückblicken, so lange, dass er weiß: "Früher, da waren die Politiker [Politikerinnen sagte man damals noch nicht. Anm. LJ] noch integer, ehrlich, haben sich für die Sache eingesetzt, brannten dafür!" Oder so ähnlich. Jedenfalls echte Politiker eben. Diesen Hinweis braucht er, denn das wird seine zentrale Botschaft des Abends: Politik von heute ist nichts als Lüge und Gewalt. Deswegen braucht es Menschen wie ihn, den Jürgen, der eine ehrlichere Politik verspricht.

Moment! Politik ist verlogen, deswegen geht er in die Politik? Egal! Merkt eh keiner.

Rhetorisch macht Todenhöfer das sehr geschickt, indem er zunächst Sympathien für diverse Politikerinnen und Politiker bekundet. Der Robert, also der Habeck Robert, sei ein ganz netter, schreibe tolle Kinderbücher. Auch der Peter, also der Altmaier Peter sei ja ein ganz arg netter, auch wenn man ihm in einer Wirtschaftskrise keine Bäckerei anvertrauen wolle, denn wirtschaften kann der ja nicht, und vermutlich würde er die Kuchen alle selbst futtern. Ach ja, und die Annegret, also die Kramp-Karrenbauer Annegret, auch das ist eine ganz sympathische Frau. Eigentlich. Das dumme aber ist: Die sind zwar alle nett, aber nett reicht halt nicht in der Politik, kompetent müssen sie auch sein. Sind sie aber nicht. Deswegen braucht es so politische Urgesteine wie ihn, den Jürgen, der Krieg als Kind und Krieg als Reporter kennengelernt hat. Denn feige ist er nicht, der Jürgen. Er sei eben nicht so ein Sesselfurzer wie viele andere. Nein, so sagt er es natürlich nicht. Sofastratege sagt Jürgen.

Apropos Feigheit. Kein Politiker, klagt Todenhöfer, der sich für Militäreinsätze im Ausland eingesetzt habe, sei je in diesen Ländern selbst gewesen. "Die müssten selbst mal an der Front kämpfen, aber dazu sind sie zu feige!" Da könnte man natürlich einwenden: Jürgen, dafür sind Politiker und Politiker auch nicht gewählt, dafür gibt es Soldatinnen und Soldaten, das ist deren Beruf, für den sie sich freiwillig entschieden haben. Niemand wird gezwungen, Berufssoldat zu werden. Aber egal.

Todenhöfer sagt auch Sätze wie: "Die Grünen glauben, man müsse nur in die Tasche greifen, das Geld rausholen, es verteilen, dann gehe es Deutschland wieder gut. Aber so geht das doch nicht."

Und dann die Integrationspolitik! Das "Wir schaffen das" von Merkel war gelogen. Nichts sei geschafft worden, gar nichts. Oder hat Merkel etwa, wie der Jürgen, an Heiligabend Geflüchtete besucht, um ihnen Geschenke zu bringen, mit ihnen Weihnachten zu feiern, deren Sorgen zu erfahren? Nein, hat sie nicht! Nichts also wurde geschafft.

Und dann Amerika! Was ist nur daraus geworden? Riesenseufzer. Die Amerikaner, ja ja, sind unsere Freunde, denn, hach, sein Sohn, der hat in den USA sieben Jahre studiert, sie haben Freunde dort, total nette Menschen. Aber die amerikanische Politik sei nicht mehr unsere. Daher: Unsere Politiker dürfen nicht die Marionetten Amerikas sein. "Für die Politiker unseres Landes muss das Grundgesetz gelten, nicht die Verfassung der USA!" Jubel aus dem Publikum.

Wir sollten daher Russland nicht vergessen, bei aller Kritik (welche?), aber wir müssen auch auf Russland zugehen, fordert der Jürgen. Über Putin könne man ja vieles sagen (macht er aber nicht), nur eines nicht: Dass er dumm ist. Und wenn unser Außenminister Heiko Maas das glaube, dann ist Maas der Dumme, weil der glaubt, wir seien so dumm, das zu glauben. Jubel, klatschen.

Die Nadelstiche sind nun alle gesetzt. Es folgt der Höhepunkt: Nach 50 Jahren sei er nun aus der CDU ausgetreten, und auf vielfachen Wunsch hin, sagt Jürgen, habe er eine Partei gegründet. Jubel. Und die heiße: Team Todenhöfer. Jubel Jubel. Nein nein, um seine Person gehe es dabei nicht, das sei ihm so angetragen worden, die Partei so zu nennen. Jubel Jubel Jubel. Hach, der Jürgen, so selbstlos.

Damit es mit der Selbstlosigkeit aber nicht zu weit geht, erzählt Jürgen dann noch ganz viel von seinen Reisen in Kriegsgebiete, Afghanistan, Irak, vor allem Mosul, so was. Aber jetzt zu den Zielen der Partei:

Nicht Wohlhabende ärmer machen, aber Arme wohlhabender. Steuersenkung für den Mittelstand. Mutter- oder Vaterschaftsurlaub für drei Jahre. Großspenden für Parteien verbieten. Rassismus stärker bekämpfen. Waffenlieferungen verbieten: "Wir werden im Falle einer Regierungsbeteiligung alle militärischen Auslandseinsätze Deutschlands stoppen, alle, alle!" Jubel. Überhaupt: Frieden für die Welt. Das können Politikerinnen und Politiker einfach nicht. Jubel. Aber der Jürgen, der kann das.

Todenhöfer möchte eine ehrlichere Politik, er möchte nicht weniger als eine "gewaltfreie Kulturrevolution", einen "Aufstand der Anständigen gegen die Unanständigen". Die Unanständigen, das haben wir durch seine Rede verstanden, sind für ihn vor allem die Politikerinnen und Politiker. Deswegen: Die Amtszeiten des Kanzlers (und Kanzlerin?) und der Bundestagsabgeordneten auf zwei Legislaturperioden begrenzen, dann würden sich die Politiker wieder um ihre eigentlichen Aufgaben kümmern und nicht nur um ihre Karrieren.

Auf der Website seiner neuen Partei ist zu lesen:

"Der Publizist Jürgen Todenhöfer gehört seit mehr als einem halben Jahrhundert zu den engagiertesten Kämpfern für Gerechtigkeit und Menschenrechte, gegen Unterdrückung, Krieg und Rassismus."

Das ist nicht ganz verkehrt, dafür hat er sich in den letzten Jahrzehnten tatsächlich vielfach eingesetzt. Daher frage ich mich, wie es sein kann, fast zwei Stunden vor dem Brandenburger Tor zu sprechen, ohne mit einer einzigen Silbe auf Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Unterdrückte, Getötete, Gefolterte und Millionen Vertriebene in Syrien zu sprechen? Lang und breit erzählt er von Mosul, von den Kriegsverbrechen der US-Amerikaner, von seinen gefährlichen Reisen, seinen Gesprächen mit den Menschen dort. Von Syrien keine Silbe.

Auf der Website der neuen Partei steht auch:

"Uns ist bewusst, dass wir einer Übermacht gegenüberstehen, die über unendlich mehr Geld und Einfluss verfügt. Wir fürchten diese Übermacht nicht."

Übermacht? Da hätte er gleich schreiben können: "Die Eliten da oben". Aber das wäre zu offensichtlich populistisch gewesen. Todenhöfer scheut sich daher auch nicht, Gandhi zu zitieren: "Erst ignorieren sie uns, dann lachen sie uns aus, dann bekämpfen sie uns. Doch dann werden wir siegen." Das ruft er auch laut in die Menge, die jubelt erneut.


Plötzlich wird es interessant: Ein großgewachsener Mann läuft durch die Menge, ruft dem Jürgen zu: "Herr Todenhöfer, hier stehen überall Coronaleugner, Reichsbürger auch. Was sagen sie dazu!" Todenhöfer unterbricht seine Rede. Der Mann zeigt auf verschiedene Leute. Und es stimmt: Die allermeisten ZuschauerInnen halten sich an Abstand, tragen Mundschutz. Aber nicht alle. Zwei Leute tragen einen Querdenker-Button. Als die Polizei kommt und einen Mann ohne Maske anspricht, holt der einen Zettel raus. Ein Attest vermutlich. Der andere Mann, der eine Mütze in den Farben der Reichskriegsflagge mit Reichsadler trägt, bleibt unbehelligt. Eine andere Dame trägt den Mundschutz unter der Nase (wie einige andere auch), draufgemalt ist zu lesen: "Maultäschle". Der großgewachsene Mann regt sich laut auf, "Überall Coronaleugner!", die Polizei bittet ihn, die Kundgebung zu verlassen, Todenhöfer sagt, er möge doch gerne nach der Veranstaltung zu ihm kommen. Die Menge buht den Mann aus, jubelt dem Jürgen weiter zu.

Zu Corona sagt Todenhöfer in der Tat nichts, bemerkenswert. Nach der Veranstaltung stellt er sich vor der Bühne ein paar Leuten und deren Fragen. Ein junger Mann sagt: "Herr Todenhöfer, junge Menschen interessiert vor allem Umwelt- und Naturschutz. Dazu haben sie nichts gesagt. Wie stehen Sie dazu?" Todenhöfer sagt: "Das ist ein ganz großes Problem, richtig. Die Regierung kann das nicht. Wir müssen viel mehr Gelder investieren." Er bleibt damit sehr vage.


Auf der Website der neuen Partei übrigens findet sich kein Parteiprogramm, keine Details zu dem, was die Partei anstrebt. Wer Todenhöfers Rede nicht gehört hat, erfährt auf der Website nichts von deren Zielen. Nur ein paar Allgemeinplätze. Offenbar geht Todenhöfer davon aus, dass seine Person als Programm genügt. Denn Mitglied werden und spenden kann man bereits über die Website.

Kurzum: Die deutsche Politik hat einen weiteren Populisten. Ich fürchte, das ist nichts, was man den Enkelkindern erzählen kann. Eigentlich tragisch. Ach Jürgen.

#teamtodenhoefer #todenhoefer #populismus Weiterführende Lesetipps: Hier findet sich ein sehr lesenswertes Gespräch zwischen Jürgen Todenhöfer und dem SPIEGEL Nahost-Korrespondenten Christoph Reuter über den Krieg in Syrien. Vom Saulus zum Paulus? Der Todenhöfer des Jahres 1989 hätte für den von 2020 nur Spott übrig. Text & Fotos © Lutz Jäkel

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