• Lutz Jäkel

"Woke Unsinn"? Ja.


Ich stimme dem Journalisten Hasnain Kazim mit jeder Zeile zu. Auf seiner FB-Seite schreibt er zur Causa Ravensberger/Winnetou:

"Dieser „woke“ Unsinn nimmt zu. Die eigentlich berechtigte Debatte über Diskriminierung und Rassismus wird ad absurdum geführt, indem die Forderungen ins Totalitäre gesteigert werden. Sie gleicht dem Unsinn, den Rechtsextremisten verlangen. Und sie unterscheidet sich nicht von der Forderung von Islamisten und konservativen Muslimen, man müsse Bücher von Salman Rushdie untersagen."

Ich möchte ergänzen: Selbstverständlich kann und muss man Karl May kritisch sehen, man kann darüber streiten, inwieweit solche Literatur noch zeitgemäß oder zumindest literarisch wertvoll ist, ob man noch Worte wie "Häuptling" oder "Indianer" verwenden sollte, inwieweit Stereotype und Klischees transportiert werden. Aber Ravensburger hat den Stopp der Auslieferung einer Winnetou-Kinderbuchreihe auf Instagram damit begründet, dass man "viele negative Rückmeldung erhalten" habe. "Das Feedback" habe gezeigt, dass "wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben." Nun habe ich einiges zu diesem Thema gelesen. Was ich aber nicht gelesen habe: Wer genau hat da eigentlich "negative Rückmeldung" gegeben, wessen "Gefühle anderer" wurden verletzt?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Kritiker:innen, die den Shitstorm gegen Ravensburger ausgelöst haben, keine Zeile des Buches gelesen und keine Sequenz des Films gesehen haben. Soweit ich das verstanden habe, wird in Buch und Film neben der eigentlichen Handlung um Winnetou auch die Kolonialgeschichte aufgearbeitet, es geht um Vertreibung der indigenen Bevölkerung und um illegale Landnahme. All das werde dargestellt, kindgerecht allerdings, sagt Andreas Brenne, Kunstpädagoge, in einem ARD Interview.

Es scheint zudem so zu sein, dass keine Native Americans oder anderen Indigene sich bei Ravensburger über die Bücher beschwert haben. Die ARD berichtete, die "Native Americans in Germany" habe den Beschluss des Verlages, die Auslieferung der Bücher zu stoppen, begrüßt, weil solche Bücher noch immer Klischees transportierten. Aber die Zustimmung kam offenbar erst nach dem Shitstorm, als das Thema in den Medien publik wurde. Nicht die Kritik der "Native Americans" waren der Auslöser für den Stopp der Veröffentlichung.

Es ist, wie Hasnain es in seinem Beitrag anmerkt: Der berechtigte und so wichtige Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus wird ad absurdum geführt, wenn man rigoros - oder radikal - den Stopp der Veröffentlichung von bestimmten Büchern fordert und damit eine wichtige Diskussion schon im Keim erstickt (und solche Aktionen sind auf andere Kulturbereiche leider übertragbar).

Die schlimme Folge solcher "woken Aktionen" ist, dass es vor allem diesen in die Hände spielt: den Rechten. Ich habe mal auf diversen Seiten geschaut, wie dort die Ravensburger Aktion kommentiert wird. Die Rechten machen vor allem eines: Sie lachen sich ins Fäustchen, wie Antirassisten Antirassisten ausspielen, wie Linke anderen Linken gegenseitig die Augen auskratzen. So erweist man der Diskussion um rassistische Strukturen in unseren Gesellschaften einen Bärendienst.

Man muss sich außerdem die Frage stellen: Wenn es per se nicht mehr erlaubt sein darf, dass sich Kinder an Fasching als Indianer, pardon, als Native Americans verkleiden, wenn Weiße nicht mehr Dreadlocks tragen dürfen und ich mich nicht mehr als Araber mit Dischdascha und Kufiye ausgeben kann, weil das angeblich "kulturelle Aneignung" ist, die nicht mehr erwünscht ist (von wem genau eigentlich?): Sind dann Antirassisten nicht selbst ein Stück rassistisch, weil sie vorschreiben wollen, was "kulturelle Aneignung" ist und was nicht?

Um bei dem Beispiel Araber zu bleiben: Männer auf der Arabischen Halbinsel kleiden sich in der Regel traditionell mit Dischdascha (oder, je nach Region, in einer Thaub, Kandura oder Qamis). Manchmal aber ziehen sie auch Hose (manchmal sogar kurze Hosen!) und T-Shirt an, bei Geschäftsterminen, vor allem im Ausland, tragen sie dann (westlichen) Anzug und Krawatte. Wäre dann letzteres nicht auch "kulturelle Aneignung"? Ist es. Schlimm? Gar nicht. Wollte man das verbieten? Ganz sicher nicht. Wer genau also möchte da die Grenzen ziehen, was erlaubt und gewünscht ist und was nicht?

Ich beobachte immer mehr mit Sorge, dass dieser "woke Unsinn" um sich greift und das Gegenteil erreicht, was er eigentlich erreichen möchte und auch muss. Der Fall Ravensburger/Winnetou zeigt exemplarisch, wie man das Kind mit dem Bade ausschütten kann. Geholfen ist damit niemanden.

Und ich habe noch immer nicht verstanden, wer genau eigentlich sich bei Ravensburger beschwert hat und wessen Gefühle verletzt wurden.