• Lutz Jäkel

Weil es keinen anderen Weg gibt

Seit Tagen eskaliert der Konflikt zwischen den israelischen Streitkräften und den Kämpfern der radikal-islamischen Hamas in Israel und im Gazastreifen. Auch ein Kampf zwischen israelischen Juden und israelischen Arabern ist entbrannt. Ein Kommentar

Ich gebe zu: Immer wenn es in "Nahost eskaliert", wie es in den Nachrichten dann stets lautet, wenn der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gemeint ist (als gehöre Syrien und Irak und andere Regionen nicht zu Nahost, wo es seit Jahren eskaliert und es Kriege gibt), bin ich bestürzt, seufze aber auch kräftig auf. Weil klar ist, dass die Kanäle in Social Media wieder glühen und alle 83 Millionen Nahostexperten ihre Kommentare abgeben. Die Stoßrichtung ist in der Regel vorhersehbar.

Warum also sollte ich mich dann auch noch dazu äußern? Vielleicht nur so viel: Der Konflikt ist tragisch, fürchterlich, brutal. Das ist er leider seit vielen Jahrzehnten. Die islamistischen Terroristen der Hamas, die ihre menschenverachtende Ideologie auch mit Bombengewalt durchzusetzen bereit sind, feuern ihre Raketen ab, Israel verteidigt sich, oftmals auch mit brutaler Gewalt. Dazwischen werden Zivilisten aufgerieben, verletzt, getötet. Sie, die Zivilisten, sind die Verlierer dieses Konflikts, auf beiden Seiten. Wie immer in Konflikten und Kriegen.

Nun müssen auch bei uns in Deutschland wieder jüdische Einrichtungen, allen voran Synagogen, stärker bewacht und geschützt werden, es kommt zu Übergriffen, Flaggenverbrennungen, Steinwürfen. Eine Schande. In Kommentaren auf Social Media findet sich vielfach antisemitischer Rotz. Widerlich.

Ich sehe auch mit Stirnrunzeln, wie schnell man sich auf die eine oder die andere Seite schlägt. Ich frage mich da immer: Warum "oder"? Warum nicht viel häufiger ein "und"? Warum sich nicht für beide Seiten einsetzen?

Einige User auf Facebook fügen aus Solidarität ihrem FB-Profilbild ein Slogan hinzu: "I stand with Israel". Ja, stimme ich zu, natürlich stehen wir an der Seite Israels, vor allem wenn es mit Raketen angegriffen wird. Wenn da bei diesem Slogan aber auch steht "FOREVER", mit Großbuchstaben, dann klingt das nach "bedingungslos". Und das kann es nach über fünf Jahrzehnten Besatzung und Unterdrückung von Teilen der palästinensischen Bevölkerung eben auch nicht sein. Noch dazu kann kein Angriff des hochmodernen israelischen Militärs bei den Verteidigungsschlägen gegen Hamas-Führer "chirurgisch so präzise" sein, dass nicht auch Zivilisten ums Leben kommen.

Ich höre in Nachrichten genau hin und bekomme erneut Stirnrunzeln, wenn es heißt: "Der Konflikt zwischen Juden und Arabern eskaliert." Das ist plakativ, und leider in dieser Formulierung auch falsch. Es ist kein Konflikt zwischen Juden und Arabern. Es ist vor allem ein Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, und das ist nicht das selbe. Denn mit Arabern sind meistens gemeint: Muslime. Es gibt aber arabische Christen und auch arabische Juden.

Arabische Israelis sind vor allem Muslime, aber auch Christen oder Drusen, und es sind israelische Staatsbürger, sie machen rund zwanzig Prozent der Bevölkerung aus, keine kleine Gruppe. Mit denen besteht aber nicht der Hauptkonflikt in der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzung, auch wenn sich zunehmend dieser Bevölkerungsteil als marginalisiert sieht, als Bürger zweiter Klasse, sondern er besteht vor allem zwischen dem Staat Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten im Westjordanland, im Gazastreifen, in Ost-Jerusalem.

Im ARD-Brennpunkt vom 12.05.2021 sprach der Moderator Christian Nitsche von "arabischen und jüdischen Israelis", als es um die Bevölkerung Israels ging. Richtig formuliert. Der jetzige Konflikt, der sich erneut zu einem Krieg entwickeln könnte, treibt nun immer stärker auch einen Keil zwischen diese Bevölkerungsteile.


Im Brennpunkt gab es gleich zu Beginn einen Beitrag über Uri Buri, einen der bekanntesten Köche Israels, dessen Fisch-Restaurant in Akko teilweise durch einen Brandanschlag zerstört wurde. Wer den Anschlag verübt hat, ist nicht klar. Der Reporter sagt, Akko sei "bekannt für das friedliche Zusammenleben von Juden und Muslimen." Uri Buri glaube an die Versöhnung, heißt es im Beitrag, und er sagt:

"Ich lebe seit 25 Jahren hier, fühle mich hier komplett sicher. Aber in solchen Situation kommen die Radikalen, und ein paar Idioten können so schaden, dass Tausend Kluge das nicht lösen können."

Und dann sagt der 75-jährige noch:

"Ich habe noch immer die Kraft und die Sucht zu zeigen, dass es doch geht, dass wir doch zusammenleben können - und müssen. Weil es keinen anderen Weg gibt."

Weil es keinen anderen Weg gibt. Weil es um die Menschen geht, auf allen Seiten. Ich finde, mehr muss man dazu nicht mehr sagen. #israel #palästina #gaza #gazastreifen #konflikt #nahost #naherosten #nahostkonflikt #palästinenser